Lost im Riesling


Oder…
Verloren im Rheingau

Ohne Weck, Woscht und Woi.

Mittwochmorgen 10:00 Uhr. Ein verlassener Bahnhof im Rheingau.
Wir steigen aus dem Zug. Während der Fahrt wunderten wir uns schon, warum so oft die Durchsage kam, dass man auf den Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante achten solle. „Komisch“, dachte ich, „wohl schon viele aus dem Zug gefallen.“
Nach dem Aussteigen war uns klar wieso.

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Oestrich-Winkel steht auf dem Bahnhofsschild.
Unser Auftrag: Finde eine Route, welche verbindet: Schloß Vollrads – Kloster Eberbach – Weingut Baron Knyphausen – Restaurant Baiken.
Am Arm meine Multifunktionsuhr. Kann ja nichts passieren dachte ich. Uhr da, Weinberge sind übersichtlich. Ungefähre Route 14km. Super Sache.
Los ging es. Den ersten Einheimischen nach dem Weg gefragt, was soll ich sagen… Liebe Rheingauer, Wein könnt ihr, aber Wege erklären….
Die ersten 2km haben wir gut hinter uns gebracht. In der prallen Sonne, bei 25Grad und mehr.
„Wo bitte müssen wir lang, wenn wir zum Kloster Eberbach müssen?!“, war meine Frage.
„ZU FUUUUUUUUUUUUUß?“, der hysterische Ausruf meines Gegenübers.
Falls ihr es nicht gemerkt habt, das ist der Moment zum stutzig werden. Ich war noch frohen Mutes.
So schnell lass ich mir ja nichts erzählen. Und verwunderte Ausrufe ist man gewohnt, wenn man gewisse Sportarten betreibt.
Aber vergessen wir nicht das Talent des Wegeeklärens der Einheimischen.
„Unten nach links und dann immer die Asphaltstrasse lang.“, war neben ein paar wirren Aussagen und Beschreibung die Quintessenz.
(Wie das eben ist, wenn drei Einheimische, zwei Ahnungslosen versuchen etwas zu erklären)
Kann ja nicht so schwer sein. Da kann das GPS am Handy aus bleiben und wir können los.
Wenn mich nämlich was nervös macht, dann ist es ein Telefon mit schwindendem Akku, während wir uns in unbekanntem Terrain bewegen.
Grob wussten wir schon, wo wir lang mussten. Immer in Richtung Nordosten, stetig ansteigend.
Und hey Asphaltstrasse. Prima Sache. Asphaltstraße, immer gerade aus. Kein Problem. Quasi schon da.
(Jetzt darf man auch schimpfen. Wo wir doch einfach ohne Karte los sind. Dumm ist das. Nie wieder ohne los)
Und so liefen wir dahin, auf dem Asphalt in der Sonne, zwischen den Reben.
Zunächst freudig motiviert, bis ich meine Kollegin anschaute und sagte: „Du, ich weiß nicht, ob das hier so stimmt.“
Der Weg zog und schlängelte sich nach oben. Statt nach Nordosten aber stetig in Richtung Nordwesten.
Aber gut, was sollten wir tun? Quer durch die Weinberge, wo sollten wir da rauskommen?!
Gut, vielleicht musste das alles so, denn Kloster Eberbach liegt höher als Schloss Vollrads.
Die nächste Kurve zog sich nun wieder nach links. Der Blick in die Richtung, die wir im Kopf hatten führte aber zurück ins Tal und zum Rhein. Weiter oben war Wald. Wo kam denn plötzlich dieser Wald her. Wir brauchten doch Weinberge.
Schilder, Zeichen, Wegmarkierungen, Fehlanzeige.
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Mhmm. Guter Rat ist nun teuer.
Und dann rollte er heran. Unser Retter. In einem Opel, der mindestens genauso alt war, wie sein Inhalt.
Ein netter älterer Herr um die 80.
Prompt hielt er an.
Ob es hier zum Kloster Eberbach ginge, lautete die Frage.
„Ach Mädscher, da seit ihr in de ganz falsche Rischtung unnerwegs.“
Ohwei. Das Wegerklärungstalent, nicht schon wieder.
Offensichtlich wusste er aber, dass erklären nichts bringt und er sagte: „Ai dann fahr isch n kurze Umwesch. Setzt eusch eninn.“
Tja, welche Wahl. Und so landeten wir in einem klappernden, quietschenden Opel, der mit uns durch die Weinberge sauste (im wahrsten Sinne des Wortes, so schnell waren wir noch nie unterwegs) und Opi voller Freude von seinem Leben in den Weinbergen und als Radfahrer erzählte. Kräftig durchgeschüttelt stiegen wir 3km später wieder aus. Sicher, dass es wohl das Highlight des Tages für alle Parteien war. Die Bäuche haltend vor Lachen, dass das jetzt wirklich passiert war. Und das, obwohl wir doch nur kurz einen Weg suchen wollten. Wir sind zu einem fremden Mann ins Auto gestiegen.
Aber an dieser Stelle ganz lieben Dank, Sie sind unser Held.

Die ungefähre Richtung wussten wir nun auch. Hätte unser ursprünglicher Richtungsgeber statt Asphaltstraße das Wort Radweg benutzt, wäre alles einfacher gewesen.

Nun schlängelte er sich dahin der Weg. An Hallgarten vorbei standen wir bald wieder vor einer Weggabelung. Und wo lang nun? Schon wieder kein Schild. Also Handy raus, GPS an. Was muss, das muss. Und siehe da, so einfach wars. Aber ohne Karte und komplett Ahnungslos, ohne Schilder, hat man da schon seine Sorgen.

Vorbei an einem Gestüt, immer weiter nach oben.
2 Stunden und 11km standen da schon auf meiner Uhr.
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Und dann tat es sich auf. Kloster Eberbach, versteckt im Wald, dennoch mit einer Menge Charme.
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Kloster Eberbach. Da bist du ja. In der Gutsschänke niedergelassen gab es einen Teller Nudeln. Denn in all der Verwirrung, merkten wir nicht, wie viel Hunger wir eigentlich hatten.
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So schnell wir angekommen waren, so schnell mussten wir auch schon wieder los.
Offiziell sollten wir 2km an der Bundesstraße entlang.
Und dann war da ein Abzweig, ein Feldweg. Kurz gegrübelt, ob wir den Weg nehmen sollten. Wir wussten, wir hatten noch ca. 10km vor uns, sofern wir den Weg gleich finden würden.
Und siehe da. Er war richtig. Mitten durch die Weinberge. Schritt für Schritt ging es Richtung Eltville-Eberbach.
Dort kamen wir nach einer weiteren Stunde an. So schön kannst du also sein Rheingau. 2014-07-02 21.29.49

Ein kurzer Abstecher zum Weingut Baron Knyphausen wo uns der Hofhund freudig in Empfang nahm.
Mit Sonnenbrand im Nacken und schmerzenden Füßen einen Plan geschmiedet.
Am Ende des Tages hatten wir 19km geschafft.
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Auf Wiedersehen Rheingau. Wir kommen wieder. Schneller als du denkst.

So sieht unsere Route übrigens auf der Karte aus. Nicht so verkehrt, wie sie sich am Ende anfühlte 😉
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Eine Antwort zu “Lost im Riesling

  1. Pingback: Vom Verloren gehen! | Naturkundestunde

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