Zugspitz Ultratrail 2015


Jeder Tag bringt dir etwas. Ist er nicht dein Freund, so ist er doch dein Lehrer.
Darunter werde ich den gestrigen Tag wohl ablegen.
Aber von vorn.

Das Frühstück am Freitag begann merkwürdig. Der Magen streikte bei der Nahrungsaufnahme, was ungewohnt war. Denn eigentlich, eigentlich kenne ich das nur vom Wettkampftag.
Dann das übliche. Startnummern abholen, Pastaparty.
Und für uns auch Twitterparty.

   
  

   

Die eingeschworene Twitter-Crew vereint beieinander. Toll, alle mal persönlich zu sehen und zu treffen und außerhalb der Social Media-Welt in Kontakt zu treten.
Überall bekannte Gesichter. Herzlich, warme Umarmungen. Super Atmosphäre und noch bessere Stimmung.
So verflog die Zeit bis zur Rückkehr ins Hotel rasant.

Der Wecker am Samstag riss mich um 05:30 Uhr aus dem Schlaf. Bis icg tatsächlich aus dem Bett kam war es 06:10 Uhr und irgendwas gravierend anders. Ich war nicht aufgeregt, André hingegen schon.
Frühstück ging auch. Ohne springen, hüpfen und würgen.
Sachen gepackt und in Richtung Bus.
Zusammen mit Sarah und Sascha. Immer in Richtung Mittenwald, wo unser Startpunkt der 35,6 Kilometer liegen sollte.
Die Temperaturanzeuge im Bus erdreistete sich eine 9 anzuzeigen.
9 Grad und Dauerregen. Schon im Tal.
Nach einer halben Stunde Fahrt raus aus dem Bus.
Noch 1,5 Stunden bis zum Start. Da kam uns das Café im Bahnhof wirklich gelegen.
Die Motivation war grenzenlos
   

 

Nach und nach wurde das Grüppchen größer, es kam Leben in die Bude.
Was für eine hervorragende Abwechslung zum sonst doch sehr einsamen Vorstartprozedere. Wir haben eine Menge gelacht.
09:45 Uhr – ab zum Start, lauschen, ob es noch Streckenänderungen gibt. Rucksackkontrolle. An den Regen gewöhnen. Denn der würde heute unser stetiger Begleiter sein.
Und schliesslich auch der Startschuss. Ich war gespannt wie es laufen würde, wie die Strecke ist, vor allem die Singletrails bergab. Schliesslich regnete es schon seit 2 Tagen. Und angekündigt war, dass wir neben Regen auch Schnee sehen würden.

   
  

 

Auf los gehts los. Raus aus der Stadt, rein in den Berg. Stau! In winzigen Schrittchen ging es bergan.
Mein Gefühl zu diesem Zeitpunkt ok.
Oben angekommen lief André vor. Was für mich hieß Tempo finden für die nächsten Kilometer.
Am ersten See war der Weg schon so eingesumpft, dass wir auf der Wiese rannten.

  
Mir war zu diesem Zeitpunkt bereits elend. Im Magen war es flau, sodass ich es an der Verpflegung nur auf einen kleinen Becher Iso brachte. Das sollte sich rächen. Wie ich später erfuhr.
Weiter ging es im Regen immer weiter bergan.
Nach 7 Kilometern war ich zum ersten Mal sicher, dass es ein Fehler war ohne Stöcke zu starten.
Mein Körper (mittlerweile komplett durchnässt) war mit warm halten und Iso drin behalten befasst, da hätten wir Stöcke gebrauchen können. Bergan wäre es eine Erleichterung gewesen.
Vor allem für die krampfenden Waden, die hier schon Tagesordnung waren.
Bei Kilometer 13 stand ich in einem kleinen Grüppchen in einem kleinen Fluss, der eigentlich ein Singletrail war.
So schlugen wir uns Stück für Stück in teilweise knöcheltiefer Matschepampe den ersten Downhill entlang.
Meine Welt!
Dachte ich. Dann schlug die Nähmaschine zu. Die Beine zitterten wie Espenlaub. Mein Plan von da an: Von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt hangeln. Zum ersten Mal dachte ich übers Aussteigen nach.
Apropos Verpflegungspunkt, wo war der eigentlich. Es zog und zog sich.
Diese Partnachalm musste doch irgendwann auftauchen. Stattdessen aber dieser nicht enden wollende Trail.
Eigentlich hätte ich gejubelt, eigentlich. Uneigentlich wollte ich mich zu diesem Zeitpunkt auf den Boden legen.
Und liegen bleiben. Bis mich jemand findet, oder auch nicht.
Am Ende des Trails eine Brücke. An Ende der Brücke ging es serpentinenartig Bergauf zur Partnachalm.
Der Punkt an dem nichts mehr ging.
Stehenbleiben nach jedem zehnten Schritt. Irgendwie noch da oben ankommen.

Hinter mir brüllte es plötzlich „Vorsicht“ und in einer rasenden Geschwindigkeit kam da einer bergauf gerannt.
Ein Supertrailer. 60 Kilometer liefen die. Und der rannte als gäbe es keinen Morgen mehr.
Der letzte Rest meiner Motivation rammte sich den Dolch ins Herz.
Das wars.
Zu diesem Zeitpunkt erhielten meine Freunde zu Hause die Nachricht, dass ich aussteigen würde.
Final ist aber das 20km to go Schild Schuld.
Warum erklärt folgendes Bild (um es nochmal in Erinnerung zu rufen: V8 war mein Standpunkt)

 

An der Partnachalm angekommen kam ein netter Herr der Bergwacht auf mich zu. Und postwendend dachte ich „Ach du schei***, siehst du so bescheiden aus, dass die dich schon ansprechen.“ Tatsächlich suchte er aber eine Startnummer, die ihren Transponder verloren hatte.

Bevor ich mich versehen hatte, sagte ich: „Was muss ich tun um auszusteigen?“ Dann ging alles ganz schnell. Ich war abgemeldet und auf dem Weg zum Shuttle Point, um mich da abholen zu lassen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass die Strecke verkürzt wird, wäre die Entscheidung vielleicht anders gefallen.

  
Mit ein paar Leidensgenossen ging es gen Raceoffice und dann über die Zielgerade zurück ins Hotel. Eine Menge bekannter Gesichter sind mir begegnet. Sorgenvoll überrascht.

Was das Ganze mit einem macht, erspare ich euch. Nur so viel: Als ich im Hotel ankam, brachen alle Dämme. 4 Stunden hat es gedauert, bis ich mich wieder  einigermaßen gefangen hatte und auch schon einen Plan.

Und der lautet wie folgt: Dieses Mal hast du gewonnen Berg. In 4 Wochen gewinne ich! Und zwar beim Halbmarathon der Zugspitz Trailrun Challenge.

  
Auf Wiedersehen Zugspitz Ultratrail. Trotz allem liebe ich dich. Wir sehen uns wieder. 2016

Advertisements

36 Antworten zu “Zugspitz Ultratrail 2015

  1. Es tut mir sehr leid und möchte auch gar nicht weinerlich herum jammern. Aber so etwas geht mir schon sehr nahe. Aussteigen möchte niemand. Deine Stärke das doch zu machen ist bewundernswert. Bei den Bedingungen und wie sich dein Körper angefühlt hat, eine richtige Entscheidung. Manchmal gewinnt eben ein anderer oder etwas anderes. Beim nächsten Mal bist dann du wieder am Zuge. Alles Liebe, gute Erholung und eine schöne Zeit der Vorbereitung. Den nächsten Trail schnappst du dir.

    • Danke Din. Die Entscheidung war hart und ich habe lange gehadert, ob ich aussteigen soll.
      Wenn man nach meiner körperlichen Verfassung heute geht, war es eine sehr gute Entscheidung.

  2. Schade …. Aber der Mut zu so einer Entscheidung kann nicht hoch genug bewertet werden anstatt sich krank zu rennen – auch bei verkürzter Strecke.

  3. Es ist immer schwer auszusteigen, ich musste da gestern auch durch. Wenn alle anderen locker weiterlaufen und du fühlst dich als würdest du gleich zusammenbrechen… Wenn du weißst, du kannst es eigentlich… Aber das sind die Zeiten die uns stark machen! In einem Monat sind wir stärker als der Berg!!!! Kopf hoch Katrin!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  4. Du warst ja schon im Vorfeld ein bisschen angeschlagen. Es war die einzig richtige Entscheidung. Trotzdem tut es natürlich weh. 😦 Aber Dein Schlusssatz zeigt es: Du lässt Dich nicht unterkriegen! Und jeder Start birgt das Risiko des Scheiterns irgendwie in sich. Sei es, weil man bereits wegen gesundheitlichen Problemen gar nicht erst antritt, oder weil es sich im Laufe des Rennens zeigt, dass es einfach nicht sein soll. Respekt vor Deiner Entscheidung und gedrückte Daumen für das nächste Mal.

  5. Katrin, wenn wir uns wiedersehen, werde ich trotzdem ehrfürchtig mit einer Tasse Kaffee vor dir nieder knien. Du, meine Heldin vom Küchentisch! Du bist aufgestanden und los gelaufen! Umärmel

  6. Schade! Es ist immer verdammt schwer solch eine Entscheidung zu treffen und oft fragt man sich danach: „Warum? Hätte ich weiter laufen sollen? Was wäre passiert, wenn?…“
    Nichts geschieht ohne Grund; auch wenn wir diesen Grund im ersten Moment nicht erkennen.

    Die Bedingungen waren alles andere als einfach…ein absolut grenzwertiges Unterfangen. Ich glaube ich wäre bei diesen Aussichten im Bus geblieben. 😉

    Aber jetzt geht es weiter und in 4 Wochen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

    Gute Erholung Kati, alles gute für die Vorbereitung…
    …lass es krachen!

  7. Tut mir leid zu hören, dass Du aussteigen musstest… Du hast Dir die Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht. Und wie es sich anhört, war es ja auch die richtige.

  8. Gefühlvoller Bericht, danke fürs verfassen und uns teil haben. Ich habe die Erfahrung des Aufgebens noch nicht gemacht, aber es gibt sicherlich Situationen, bei denen wir auch mal sagen müssen, es geht nicht weiter, davor habe ich schon Angst. Mit berglaufen und Trails starte ich erst, das wird auch dann schneller kommen als gedacht, im Vergleich zu Straßenläufen ist das ziemlich hart. Respekt für deine Entscheidung und ich drücke dir die Daumen für den nächsten Lauf. LG Cindy

    • Der Körper setzt einem klare Grenzen. Das wird am Berg sehr deutlich. Da sind Vernunftsentscheidungen wichtig. Natürlich bin ich sehr enttäuscht, aber es wäre nicht gegangen. Ich hätte mich kaputt gerannt, oder man hätte mich aus einem Singletrail gefischt. Beides keine Option. Danke dir Cindy.

  9. Trotz allem, Daumen hoch! Jede Entscheidung muss gefällt werden und dann muss man dazu stehen. Zu dem Zeitpunkt war es richtig. So etwas ist keine Niederlage, sondern ein Sieg über sich selbst.

  10. Da ist es, mein Deja Vu. Letztes Jahr an der gleichen Stelle wars für mich vorbei nachdem ich durch die Nacht gestolpert bin.

    Es ist immer schwer aufzuhören. Die Fragen die man sich stellt sind irrelevant. Es ist vorbei. Basta. Wer weiß wozu es gut war. Und die Entscheidung verlangt höchsten Respekt. Ich bin mir sehr sicher das der Berg nächstes jahr verliert. Oder Ihr gewinnt beide. Auch das geht. Kopf hoch

  11. Richtig, nicht unterkriegen lassen! 🙂

  12. Das tut mir voll leid zu lesen! Ich hätte mir ein freudestrahlendes Zielfoto von Dir gewünscht!

    Aber es war gut dass Du auf Deinen Körper gehört hast. Den gibt es nur einmal – Läufe gibt es viele. Beim nächsten Mal wird dann auch alles wieder gut!

  13. Alles richtig gemacht mein Herz … Sind stolz auf Dich

  14. Die Gefühle wenn man aussteigt sind leider wirklich unbeschreiblich. Egal ob man es tut weil es nicht mehr geht, die Bedingungen an dem einen Tag einfach nicht stimmen oder man aus anderen Gründen raus muss. Ich habe Wochen gebraucht bis ich mir eingestehen konnte beim Allgäu Panorama Ultra Marathon das richtige getan zu haben. Zwar wars das im ersten Moment ganz klar, aber in den Tagen danach war der Ärgern enorm. Aber ich habe mir geschworen irgendwann zurück zu kommen. Und dann rocke ich das Ding. Und du doch bestimmt auch? 🙂

  15. Ich habe letztes Jahr selber lange genug damit gehadert nach 57 km beim Rennsteig ausgestiegen zu sein. Auch die Entscheidung war richtig. Weiss der Kopf. (Nur der kleine einflüsternde Teufel auf der Schulter will keine Ruhe geben)
    Trotzdem: schwamm drüber. Isso. Nicht mehr zu ändern. Na und?
    Messner meint, wir lernen nur durch scheitern.

    Der Berg hat Zeit.
    Du auch. /sturkoppmodus on

    trail on 😉

  16. Schade, das tut mir sehr leid für Dich. Aber das Wichtigste ist eben, das man auf seinen Körper hört und wenn der aus welchen Gründen auch immer an diesem Tag nicht kann, dann ist es immer noch besser dies – auch wenn es für Kopf und Herz extrem schwer ist – zu akzeptieren und abzubrechen. Das hast Du schon ganz richtig gemacht. Es werden noch viele Trailrennen kommen, an denen Du es so richtig krachen lassen kannst 🙂
    Hol Dir die Revange in 4 Wochen! Ich drücke Dir alle Daumen die ich habe 😉

    LG

  17. Wie mir das doch bekannt vorkommt. Vor genau 2 Jahren, beim ZUT auf der Ultradistanz. Ich bin gestartet und hatte vom ersten Schritt an Betonfüße. Weiter, weiter, das muss doch gehen! Dann kam kalter Schweiß und Übelkeit. Ausstieg an der Ehrwalder Alm. Mein erstes DNF. Ich kann dir definitiv nachfühlen wie weh das tut. Man fühlt sich beschissen. Schlimmer geht es kaum.
    Es bleibt aber nur ein Weg. Nach vorne schauen. Neuen Anlauf nehmen. Neue Ziele setzen. Vor allem Spaß am Laufen haben. Dann wird es wieder gut. Dann kann man auch wieder über sich selbst hinauswachsen. Ganz sicher!
    „Es ist nicht der Berg, den wir besiegen, sondern unser eigenes Ich.“
    Edmund Hillary

  18. Liebe Katrin, erst wenn man ein DNF hinter sich hat, ist man ein echter Läufer 🙂 Denn dann weiß man, dass auch aussteigen dazu gehört. Auch wenn es weh tut, auch wenn man sich tagelang fragt, ob es nicht doch noch gegangen wäre … der Körper weiß, was er tut. Und umso größer ist dann das Gefühl, im nächsten Anlauf diesen bl***den Berg doch noch besiegt zu haben! Schade, hatte Samstag morgen noch an Euch gedacht – bei so einem Wetter jagt man ja keinen Hund heraus – das allein verdient ja schon Anerkennung!

  19. Nächstes Jahr beim ZUT wird alles besser 🙂 Wir sehen uns bei der Challenge, da wird auch schon alles besser 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s