Sei Pippi, nicht Annika.


Sonntag, 28. Juni 2016, 11:15 Uhr.
Ich binde meine Schuhe und zurre den Rucksack noch einmal fest und dann geht’s auch schon los.
Meine erste lange Tour allein. Ohne André. Leider.
Aber was muss, das muss. Das nächste Rennen wartet nicht.

Routenplanung wie gewohnt, einmal Feldberg und zurück. 20km, knapp 700 Höhenmeter.
Eine solche Trainingsrunde vor der Haustür zu haben, ist schon ein bisschen Luxus.
Die 5 Euro in meinem Rucksack freuen sich schon, dass sie in etwas über einer Stunden gegen eine Gipfelfanta getauscht werden.

Der Weg zieht sich gen Berg, über Wiesen und zwischen Feldern hindurch.
Plötzlich ein seltenes Bild. 3 Läufer kommen mir entgegen.
Untypisch eigentlich. Hierhin verschlägt es entweder Wanderer, oder Mountainbiker, die den Singletrail hinuntersausen, der mich nach oben führt.
Plötzlich tönt ein freudiges Hallo in meine Richtung.
Läufersolidarität, oder so. Bisschen ungewohnt für die Gegend, aber ok.
Ich grüße zurück und weiter geht’s.

Der Weg füllt sich langsam und ich muss feststellen, dass die Zahl der mich grüßenden Menschen heute außergewöhnlich hoch ist.
Und ich werde komisch beäugt. Immer wieder. Besonders von der älteren Generation. Wahrscheinlich erwarten sie, dass sich hinter mir ein Cyborg verbirgt.
Warum sonst, sollte hier in Mädchen im Wald rumrennen. Allein. Macht ja auch so gar keinen Sinn.
Die Herren der Schöpfung lächeln alle, grüßen, drehen sich noch mal um.

Und dann wird mir bewusst: Ich habe den Räubertochterbonus.
Ein Mädchen rennt allein auf einen Berg und wieder runter. Das entspricht nun mal nicht dem typischen Frauenbild.
Scheinbar weckt das bei den Mitmenschen ein wenig mehr Interesse.

Ich muss schmunzeln.
Ich war schon immer Turnschuhmädchen, Räubertochter, Pippi.
(Vielleicht das ein oder andere Mal zum Leidwesen meiner Mutter.)
Was soll ich sagen, diese Mädels sind halt einfach kleine Heldinnen.
Egal ob Triathletinnen, Marathonläuferinnen, Trailrunnerinnen, Mountainbikerinnern oder Rennradlerinnen.
Mit denen kann man Pferde stehlen. Ohne Schminke nach draußen, kein Problem.
Sie beißen sich immer durch, egal ob es regnet, oder die Sonne scheint, ob was wehtut.
Wie, ich bin dreckig? Egal, geht ja wieder ab.
Jede einzelne von ihnen hat einen starken Charakter.
Statt dich wegzuätzen, wird sie dich an der Hand nehmen und mitziehen.
Diese Ladies sind prima.
Das wissen sie nicht nur selbst, sondern so manch anderer auch.

Mittlerweile bin ich auch auf dem Gipfel des Feldbergs angekommen.
Pippi sitzt auf dem Gipfel und schlürft Fanta.
Und dann geht’s schon wieder abwärts.
10 Kilometer bergauf, heißt nämlich auch, 10 Kilometer wieder bergab.

So mache ich mich auf dem Weg. Jeden grüßend, der mir entgegenkommt. Immer mit einem Lächeln im Gesicht.Klar. Geht ja auch abwärts.
Fast zu Hause angekommen, hält mich ein älterer Herr an, um nach dem Weg zu fragen.
Das ist schnell erledigt.
Er zwinkert mir mit den Worten zu: „Jetzt haben Sie auch noch ein bisschen mehr Luft zum weiterlaufen.“
😀

15 Minuten später sitze ich mit einem Eis auf einer Bank. Ich kanns noch.
Einmal Feldberg und zurück. Ganz allein. Hat prima funktioniert.

Und nach diesem Lauf bin ich mir sicher:
Diese Welt braucht mehr Räubertöchter und weniger Prinzessinnen.
Sei Pippi, nicht Annika

Eis

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Veröffentlicht in 2015

12 Gedanken zu “Sei Pippi, nicht Annika.

  1. Kenne auch noch die Jahre, als ich bei mir hier eine der wenigen Damen auf einem Rennrad war. Mittlerweile hat sich viel geändert. Aber ganz komisch wird auch heute noch geschaut, wenn die Mitfahrer an meinem Hinterrad hängen, statt ich an ihrem. So sind wir und das ist total supaaaa so. Ich freue mich immer über Athletinnen, die mir laufend oder auf dem Renner oder einer Zeitfahrmaschine entgegen kommt.

    Also ich kam mal aus der Badewanne und Mutti war entsetzt, wie dreckig meine Hände aussahen. Zack, wieder rein in die Badewanne. Seife und Bürste. Etwas Geschrei und Genörgel später, kam dann die Einsicht, dass die Hände schon lange sauber waren und eben einfach nur braun gebrutzelt vom vielen Draußensein…

  2. Stark, dass du diese Strecke heute ganz alleine bewältigt hast!
    Die Fanta hast du dir mehr als verdient.
    In deinem Bericht wird für mich deine Freude am Trailrunning sehr deutlich. 🙂 Die nächsten Wettkämpfe können kommen!

    Auch ich bin wohl eher eine Pipps, als eine Annika. 😉

  3. Zwei Anmerkungen: Gestern war wohl „Grüß-Tag“, Frauchen wurde bei ihrer 20 km-Runde auch andauernd gegrüßt 🙂
    Und zweitens ist sie wohl auch eher Pippi – der Nachbarssohn durfte als Kind nicht mehr mit ihr spielen, weil „sie ihn immer zu Unsinn anstiftet und er dann schmutzig nach Hause kommt“ (O-Ton der Sohnes-Mutter). Armer Bub, war sein Verlust …
    Go, Pippi, go 😉

  4. Ich finde dass seitdem ich im Taunus wohne irgendwie hier alle etwas netter erscheinen und sehr oft grüßen oder nett ausweichen. Letztens kam uns morgens so ein Irrer entgegen gerannt (wir Uphill auf dem Bike), der schrie: GENAU DAS will ich sehen! Weiter so! 😀 😀
    Ansonsten kann ich deinen Beitrag so unterschreiben und wir hätten uns ja eh fast gegrüßt 😉

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