Karwendelmarsch 2015


Karwendelmarsch 2015
Am besten schreibt man alles auf, wenn die Erinnerungen noch frisch sind.
Zwei Tage sind sie alt.
Super so ein Blog. Man sollte ihn sich irgendwann als Buch drucken lassen.

Da war er also. Der Zeitpunkt. Mein Plan: Ein Ultramädchen werden.

Und das muss ich schließlich ganz allein werden. Es gibt niemanden der mich trägt, niemanden der mir meine Gedanken abnimmt, oder für mich weiterläuft, wenn nicht mehr mag.
Ich ganz allein.
Ich muss die Startnummer abholen, ich muss allein mit meinen Gedanken eine Nacht zuvor leben.
Ich muss um 4 Uhr morgens aufstehen, mich anziehen, und mich auf den Weg zur Startlinie machen.
André geht neben mir, das beruhigt.  Am Tag vorher habe ich noch den Kopf geschüttelt über mich selbst. Was war ich für ein Idiot, 52 Kilometer quer durch und über ein Gebirge.

Startnummer

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mir vorgenommen habe immer einen Fuß vor den anderen zu setzen. So lange bis ich im Ziel bin.
Komme was wolle.
Ich werde einen Fuß vor den anderen setzen und damit werde ich nicht aufhören.

Meine Gedanken finden sich wieder, an der Startlinie. Mit Sarah, André und Sascha. Meine Augen suchen verzweifelt Rebekka.
Für die nächsten 52 Kilometer soll sie meine Gesellschaft sein. Wir haben ungefähr das gleiche Ziel. Nämlich das Ding ins Ziel bringen.
Sie soll mein Zugpferd sein, wenn ich durchhänge und umgedreht.
Eine Minute vorm Startschuss ist sie endlich da. Dann kanns ja losgehen.

Es beruhigt mich. Ich werde nicht auf mich allein gestellt sein.
Das Wetter könnte besser nicht sein. Über 30 Grad sind gemeldet.
Genug zu trinken ist also Pflicht.

Die ersten 20 Kilometer geht es bergauf. Die erste Verpflegung kommt nach 8, die zweite nach 18 Kilometern. Danach jede 6 Kilometer. Damit bin ich sehr happy.
Wir laufen los und die ersten Kilometer bis zur Verpflegung vergehen wie im Flug. Wir lachen, erzählen, finden unseren Rythmus, bleiben stehen, machenFotos.

Foto

Das ein oder andere bekannte Gesicht passiert uns. Es gibt Mitläufer die man immer wieder trifft oder schon aus sozialen Medien kennt.
Ich fühle mich pudelwohl. In meinem Körper befindet sich kein Funken Anspannung mehr.

Was diese Wanderer teilweise für ein Tempo an den Tag legen ist schon beeindruckend. Was ich an Bauklötzen gestaunt habe, hat bestimmt einen ganzen Wald abgeholzt.

Die erste Verpflegung mit Obst, Keksen, Tee erwartet uns. Wir stressen uns nicht. Ein Becher Tee, noch einen zweiten und dritten. Für diesen Tee allein möchte ich schon an die nächste Verpflegung. Lecker und genau richtig. Eine Banane, eine Hand voll Kekse und weiter geht’s.

„Tschuldigung, bist du die Rebekka.“
Ein blondes Mädel taucht hinter uns auf. Sie hat den Blog gelesen vom Karwendelmarsch 2014. Ein kurzes Gespräch folgt.
(Falls du das liest Vroni: Viele Grüße, ich hoffe ihr seid gut durchgekommen)
Ich muss schmunzeln, scheinbar bin ich ja mit der Prominenz unterwegs 😉

Ein längerer Anstieg zum Karwendelhaus folgt. Die erste Brotzeit wartet.
18 Kilometer sind schon fast geschafft.
Das Karwendelhaus tront über uns. Die Sonne kommt über die Berge, es ist fast schon kitschig so schön ist es. Hier ein Foto, da eine Erinnerung. Die Verpflegungsstelle erreicht, setzen wir uns, mit Tee und Käsebrot.
Käsebot ist ein gutes Brot..wusste schon Helge Schneider.

Alles fühlt sich noch soweit gut an. Nach ein paar Minuten geht’s weiter in den ersten Downhill. Schotterpisten sind nicht mein Spezialgebiet, aber irgendwie kommen wir doch zügig voran. Am Ende des Downhills die nächste Verpflegung. Ich liebe es. Alle 6 Kilometer Verpflegungsstationen. Es ist Gold wert.

Nichtsdestotrotz sind wir bei KM25 und für mich wird es Zeit fürs erste Gel. Sicher ist sicher. Gel und eine Salzkapsel, die ich auch brav Rebekka einflöße. Weiter in Richtung Kleiner Ahornboden. Über ein kleines Geröllfeld. Ich bin fasziniert. Mein Herzchen quillt fast über vor Glück. Berge, Sonne, blauer Himmel, Freiheit.

Kleiner Ahornboden2

Ich fange an darüber nachzudenken, ob ich beim Rennsteiglauf 2016 nicht auf die Supermarathondistanz mit 73KM ummelden soll.
(Ich habe noch nicht fertig darüber nachgedacht)

Es geht wieder aufwärts durch einen kleinen Wald über einen kleinen Pfad. Schatten. Ganz erholsam nach der ganzen Sonne, die mittlerweile unermüdlich auf uns runter scheint.

Es warten noch zwei kleine Anstiege und danach noch ein langer, von dem ich weiß, dass er fies sein soll. Aber Stück für Stück.  In Richtung Eng. Wenn wir dort sind, sind es noch 16 Kilometer.

Einen Fuß vor den anderen. Das geht erstaunlich gut.
Ich tauche meine Mütze in jedes verfügbare Wasserbecken. Instinktiv. Jede Viehtränke, jedes kühle Gewässer wird genutzt. Hauptsache der Kopf bleibt kühl. In jedem Bächlein hüpfe ich so lange rum, bis meine Schuhe durchnässt sind.

Wir sichten den ersten Fotografen. Uphill. Kurz vorm Gipfel. Super. Das werden Bilder der Kategorie: Wie soll ich damit meiner Familie erklären, dass ich total gut finde was ich da mache.

😀

Es treibt uns weiter. Langsam merke ich die Beine und vor allem die Füße deutlicher. Aber wir bewegen uns auf Kilometer 35 zu. Das ist das längste was ich im Training bislang zurückgelegt habe, also war zu erwarten, dass es ab jetzt zäh wird.
Im nächsten Downhill finde ich den ersten Teilnehmer mit Krämpfen in den Beinen. Ich schütte ihm 5 Salzkapseln in die Hand und ziehe mit den Worten „Jede Stunde eine mit viel Wasser“ weiter.

Und dann taucht sie auf. Die Eng. Für einen Teil schon das Ziel. Für uns noch 16 Kilometer. Die härtesten, so viel wusste ich. Also gönnten wir uns eine kurze Rast. Und dann ging es weiter.  Zu lange wollte ich nicht sitzen. Tee, Äpfel, Käsebrot. Schlaraffenland genießen und weiter. Auf zum letzten Anstieg. In meinem Kopf noch das härteste was uns bevor steht.

Ich wusste von steil und lang und Serpentinen. Aber es lief erstaunlich gut. Bei KM 37 noch eine Verpflegung.

Meine DreamTeam Karwendelmarsch-Partnerin hat hier tatsächlich einem Herrn ein Bier aus den Rippen geleiert. Ich habe keine Ahnung wie sie das getan hat.Als ich von der Toilette kam saß sie selig grinsend mit dem Bier auf der Bank.

Ich war wirklich dankbar für diese Hütten. Wer an jeder Verpflegung 2-3 Becher Tee und zusätzlich Wasser runterkippt, der muss öfter als ihm lieb ist.
Ich eben einfach alle 6 Kilometer.
Vor uns lagen die berüchtigten Serpentinen.
Also nochmal Gel, nochmal Salz und los.

Ein steiler Bergweg schlängelt sich nach oben. Ich hebe den Kopf und schau auf eine Steilwand. Fast senkrecht.
Mit Menschen. Vielen Menschen. Aufgereiht wie an einer Perlenkette.
Mein Kopf denkt noch amüsiert: „Haha im Ernst? Wieso stellen die sich freiwillig bei 35 Graf in die pralle Sonne und kämpfen sich das Ding da hoch. Haha. Es gibt echt Verrückte.“
Dann regsistriere ich, dass ich einen Teil der Menschen irgendwie kenne, die standen mit mir am Start. Das heißt ich muss da hoch.

Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen, das es weniger schlimm war. Irgendwie mochte ich dieses Teil.
Es war anstrengend. Ich dachte bestimmt 3-5 Mal, dass ich garantiert einen Sonnenstich habe.
Aber irgendwie, irgendwie mochte ich sie, diese kleinen, steilen Serpentinen. Auch wenn ich keine Ahnung hab wie weit es war, oder wie lange es gedauert hat.
Ganz plötzlich stehst du auf dem Grat und hast das Gefühl du schaust über die ganze Welt.

Du vergisst was du machst und warum du hier bist. Du stehst und staunst. Wir haben eine kurze Rast eingelegt.
Dann ging es bergab.

Denn was man bergauf geht, muss man irgendwie auch wieder runter. Auf gleiche Weise. Fast. Schotterpiste. Örgs.

Nicht mein Lieblingsdownhill.  Das war auch der Moment an dem mein Kopf einsetzte. Der Downhill wollte nicht aufhören. Kurve um Kurve. Schotter, Schotter, Schotter. Zum ersten Mal kam mir über die Lippen das ich jetzt keine Lust mehr hätte. Hatte ich auch nicht, jedenfalls nicht auf dieses Stück. Aber immerhin das letzte Stück. 10 Kilometer noch bis ins Ziel. Die waren zäh. Und lang. Länger als ein Halbmarathon. Gefühlt jedenfalls. Und doch wollte hier schon das erste Tränchen fließen.  Vor Freude, vor Stolz, vor Erleichterung?
Ich weiß es nicht.

Mein Mantra kam zum Einsatz, einen Fuß vor den anderen, ganz egal was kommt.
Die letzten 5 Kilometer geht es auf einer Asphaltstraße fast gerade dahin. Einen Fuß vor den anderen, einen Fuß vor den anderen.

Und doch kam es, das Schild: Noch 1 KM.
Der Achensee war in Sichtweite. Wahnsinn. Das Ziel.
Im Gleichschritt liefen wir los.
In den Zielkanal.

Dann war es passiert. André, der schon seit 3 Stunden wartete, war da.
Die Medaille baumelte um meinen Hals.
Zum ersten Mal fühlte ich unmittelbar im Ziel so etwas wie Stolz und Glück.
Ich bin ein Ultramädchen. Auch wenn es 11:14 Stunden gedauert hat.

Finish

Es geht so schnell wie es geht und dauert so lange wie es dauert.
Dafür, dass ich bis vor ein paar Tagen noch um meinen Start gebangt habe und das Training in den letzten Wochen so gut wie nicht vorhanden war.
Während eines Ultras lernst du viel. Vor allem über dich selbst.
Vor allem auf den letzten Kilometern. Das weiß ich nun.

Jetzt sitze ich im Auto, auf dem Weg nach Frankfurt.  Mit schwerem Herzen. Es ist ein komisches Gefühl, im Auto zu sitzen, die Berge anschauen und festzustellen, dass du nicht als die gleiche Person zurückkehrst, als die du gegangen bist.

Irgendein Stückchen in dir hat sich maßgeblich verrückt. Und es gibt wenig das sich besser anfühlt.

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24 Gedanken zu “Karwendelmarsch 2015

  1. Och, liebe Katrin! Glückwunsch zum ersten Ultra!! Wie schön Du beschrieben hast, was man sonst kaum in Worte fassen kann: dieses Glücksgefühl, Stück für Stück, Schritt für Schritt, eine Strecke bewältigt zu haben, die vorher im Kopf kaum zu erfassen war. Erhol Dich jetzt gut und schwelge noch ein wenig in den Bildern, die Dir niemand mehr nehmen wird… ❤

  2. Wir haben ja immer an Dich geglaubt 🙂 Wunderschöne Strecke, gell? Schade, dass Du dann den Ziel-Kaiserschmarrn nicht wolltest … Und da sieht man wieder, wie wichtig es ist, wenn man nicht allein auf so einer Strecke ist und was der Kopf ausmacht. Hochachtung!

  3. Yeah, herzlichen Glückwunsch!
    Einmal Ultra, immer Ultra.
    Jetzt kannst du nicht mehr genug bekommen…
    …willkommen im Club!

    Gute Regeneration und noch viel Spaß auf den Trails dieser Welt

  4. Auch hier nochmal: Herzlichen Glückwunsch!. Viel beeindruckender als die Leistung, anspruchsvolle 52 Kilometer zu bewältigen, finde ich übrigens, dass Du/Ihr es so selbstverständlich versucht habt. Mir fehlt da leider der nötige Mut, es „einfach zu machen“ und bin deswegen auch kein Ultra ;-/

    Als Ihr im Karwendel unterwegs wart, lief ich durch die Weinberge um Stuttgart und hörte Musik. Genauer gesagt: Sondaschule. Und die sangen folgendes:

    „Vergiss die Angst, die zu dir sagt,
    du darfst nicht zu viel riskieren.
    Denn wie die Würfel für dich fallen,
    kannst du eh nicht kontrollieren.
    Also warum soll das nicht klappen?
    Komm, mach doch einfach aus’m Bauch.
    Du wirst es irgendwie schon schaffen,
    denn du hast alles was man braucht.
    Vertrau der Stimme, die dir sagt,
    das ist jetzt die beste Wahl.“

    Irgendwie passend.

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