Rennsteiglauf 2016


….oder: „Es ist was dein Kopf daraus macht.“

Samstagmorgen, 05:45 Uhr…der Wecker klingelt, ich drehe mich noch einmal um. In der Nacht gab es wenig Schlaf. Der erste Marathon des Jahres steht auf dem Plan. Der Test für den Zugspitz Supertrail in 4 Wochen.
Ein wichtiger Tag, denn bislang lief nichts wie geplant.
Also dann, anziehen, Sachen packen, zwei Scheiben Toast, eine halbe Tasse Kaffee, ab ins Auto.
Die Fahrt nach Neuhaus dauert ewig.
Wir sind aber trotzdem eine Stunde vor Startschuss da.
Der erfahrene Marathonläufer stellt sich als erstes in die Toilettenschlange.
Und dort stehen wir.
Geschlagene 45 Minuten.
Ein Blick auf die Uhr sagt 08:56 Uhr.
Oha, das wird jetzt aber eng. Also Beine in die Hand und ab in Richtung Startblock.
Da läuft schon der Schneewalzer. Es wird geschunkelt, gesungen, es ist wunderbar. Es ist Rennsteig und man muss das lieben.
Plötzlich fallen mir 2 Gesichter in der Menge auf. Ulf und Kersten. Ein schnelles Hallo, ein schnelles Tschüss und schon sind wir unterwegs.

Start

Die ersten paar hundert Meter geht es direkt bergauf. Nicht mein Lieblingsstart, muss ich feststellen.
Dann geht es auf einer breiten Asphaltstrasse weiter.
Das wird die nächsten 5 Kilometer so sein.
Zeit in der ich mein Tempo und meinen Rythmus finden kann.
Tempo. Guter Punkt. Ein Blick auf die Uhr zeigt eine 05:20/km an.
Viel zu schnell, das weiss ich. Das werde ich so nicht halten können, aber ich schaffe es nicht, mein Tempo zu drosseln. Ich schwimme so mit, bis zur ersten Verpflegungsstelle. Tee, Cola und weiter.

Bei Kilometer 10 merke ich, dass die Beine ganz gut gehen, der Körper auch.
Trotz des hohen Tempos meckert nichts, bis auf den Kopf. Und so langsam wird klar, dass der Kopf heute mein größtes Problem werden wird.
Ich beginne zu rechen..10 geschafft…noch 32km. Das kann ich. Ohne Frage. Und trotzdem entwickelt sich die Zahl mit der 3 vorne dran plötzlich zu einem riesigen Problem.
Klar kann ich die Laufen, aber ich hab gar keine Lust.
Und zack, ich erwische mich beim Gehen.
Warum weiss ich nicht.

Plötzlich höre ich meinen Namen. Schaue neben mich und sehe Michi. Wie schön.
Er geht ein kurzes Stück mit mir, wir unterhalten uns kurz und schon ist er wieder weg. Eine Begegnung, die mir ein wenig Auftrieb verleiht.
Bei Kilometer 15 kann ich dann nicht mehr rechnen. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich ab jetzt noch 17 Kilometer laufen muss…..
Als mir auffällt, dass das so nicht stimmen kann, bin ich willens aufzuhören.
Bis zur nächsten Verpflegung noch und dann ist Ende für mich.
Dort werde ich Bescheid geben, dass ich raus bin, in den nächsten Ort laufen und der Dinge harren die da so kommen.
Da bin ich mir sicher und habe mit dem Rennsteiglauf 2016 ageschlossen.
Die Beine sind gut, aber ich will nicht mehr.

Ritter

Die nächste Verpflegung ist dann aber der Wendepunkt. Die Rennsteigwarte auf dem Eselsberg bei Masserberg.
Es gibt Brot, Tee, Cola, Äpfel, Bananen. Mein Ernährungskonzept unterwegs funktioniert gut. Ich beschliesse noch einen Becher Apfelschorle hinunterzukippen, was sich mit widerlichen Magenkrämpfen rächt.
Keine Apfelschorle mehr!
Weiter gehts. Eigentlich wollte ich ja aufhören, aber ich glaube das Brot hat es rausgerissen. Ich bin mampfend einfach weitergegangen und hatte dabei völlig vergessen, dass ich ja nach Hause gehen will.

Die finale Erlösung kommt mit dem Schild auf dem die Zahl 21 zu lesen ist.
Plötzlich weiss ich, dass es nur noch ein Halbmarathon ist und es ab jetzt „nach Hause“ geht.
Ich kann merken, wie sich der Schalter im Kopf umlegt.
Mein Gemüt hellt sich auf, die Beine laufen in einem schönen Rythmus.
Ehe ich mich versehe sind wir schon in Neustadt und somit bei 28,3 Kilometern angekommen. Ich bin in einem guten Fluß durchgekommen.
Es läuft. Die rechte Hüfte meckert jetzt leicht, aber das kann man gut ignorieren.
Kurzer Stopp an der Verpflegungsstelle, die gewohnte Reihenfolge: Tee, Cola, Apfel, Banane und weiter geht’s durch den Ort.
Über eine Wiese, wieder in Richtung Wald. Ich pfeife vor mich hin und lasse die Beine ihre Arbeit machen.
Wenn man bei einem Wettkampf fröhlich pfeift, wirkt das übrigens verstörend auf den Rest.
Der Weg schlängelt sich so dahin und ich höre meine Mitläufer irgendetwas von Anstiegen sagen.
Die kommen auch, ich schalte in den Kampfwandermodus und freu mich meines Lebens.

Das geht ganz gut bis ungefähr bei Kilometer 35.
Hier wird klar, dass irgendwas mit meinem Fuss nicht stimmt.
Bei jedem Auftreten durchfährt mich ein stechender Schmerz.
Was daran liegt, dass mein Schuh zu eng geschnürt ist und sich der Zeitmesschip bei jedem Abrollen in den Spann bohrt. Dummer Anfängerfehler oder so.
Das war mir bislang nicht aufgefallen.
Aber jetzt dafür umso mehr.
Ich überlege kurz, ob sich der Knochen was getan haben könnte.
Schliesslich ist es der Fuss, der mir vor Kurzem noch einen Besuch in der Notaufnahme beschert hat.
Im Gehen keine Schmerzen, aber im Laufen treibt es mir die Tränen in die Augen. Also sollte der Fuss nur wegen des Chips genervt sein. Gut.
7 Kilometer noch. Die schaff ich. Egal wie. Ich schiebe langsame Gehpausen ein, versuche aber den größten Teil zu laufen.

Und plötzlich bin ich in Schmiedefeld, am letzte Anstieg. Berganlaufen ist nicht mehr drin, also gehe ich.
Was unter den Augen der Zuschauer sehr merkwürdig ist. Viele rufen deinen Namen, man sieht das ein oder andere bekannte Gesicht und hofft, dass der Hügel bald zu Ende ist.
Oben angekommen, beiße ich die Zähne zusammen und laufe wieder an. Also es ist eher ein Hinken, aber gehend ins Ziel kommt nicht in Frage.
Und ganz plötzlich ist es vollbracht. Heimlich still und leise bin ich ganz für mich allein meinen ersten Marathon gelaufen in diesem Jahr.
Nachdem die Saison so mistig angefangen hat und nichts lief wie geplant.
Nachdem ich bis kurz vor der Angst nicht laufen konnte, weil mein Schienbein mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
Plötzlich saß ich mit meiner Medaille im Ziel und war unter meiner Wunschzeit geblieben.
Ganz allein saß ich da in d habe den Trouble um mich herum beobachtet.
Voller Stolz, mit einem winzigen Tränchen im Auge und habe genoßen was um mich herum passiert.
Distanz ist, was der Kopf draus macht.

Medaille

Wer einmal Rennsteig läuft, läuft immer Rennsteig.
Denn, dass das schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld steht, das stimmt.
Deshalb war ich heute Morgen ganz plötzlich und wie von Zauberhand für den Supermarathon im nächsten Jahr angemeldet 😉
Wie das passieren konnte, weiss ich auch nicht so genau.

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Veröffentlicht in Test

27 Gedanken zu “Rennsteiglauf 2016

  1. Gratulation!
    Der Kopf ist der wichtigste Antrieb auf langen Strecken – Ablenkungsstrategien lassen sich aber genau so gut trainieren wie die Beine 😉
    Und jetzt einfach mal nur die vollbrachte Leistung genießen u auf sich selbst stolz sein u den Tränchen ihren Lauf lassen! ☺

  2. Dankeschön für den Artikel und Glückwunsch du kannst Mega stolz auf dich sein. Für mich ist es noch ein Traum und bin fleißig am üben.
    Vielleicht bin ich nächstes Jahr dabei.

  3. Hey duhu, noch mal herzlichen Glückwunsch 😉 Wurde ja auch mal Zeit, dass wir uns persönlich sehen 😀 Bis zum Tiergartenlauf …

  4. Glückwunsch zum Finish!
    Ja, der Kopf spielt nicht immer so mit wie er sollte.
    Mir ging es doch in Roth 2015 auf der Laufstrecke ähnlich.
    Toll durchgekämpft ! 🙂

    Viele Grüße

    Andy

  5. Gut gemacht, Respekt für’s Durchhalten.
    Nutze beim nächsten Start die Toiletten in der Schule.
    Zu früh Cola getrunken. Schleim ist besser, gibt länger Energie. Cola erst ab Frauenwald, und dort auch das Bier mitnehmen.
    Hast Du Dir die Party gegönnt? Das ist die Entschädigung für alle Strapazen, vorausgesetzt man ist willigt den Schneewalzer und das Rennsteiglied zu singen.

      1. Habe ich auch vor. Wäre der 2. Der ist nicht ohne, die ersten 20km nur bergan. Und die Bergabpassagen habe ich als ziemlich giftig in Erinnerung (steil). Aber dort zu finishen ist schon was ganz besonderes. Für mich war das gefühlt schwerer als die Challenge Roth.

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