Berlin Marathon 2016


„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein. So dreckig und grau.“

Aber auch so wunderschön.

Es ist alles wie immer bei einem
Marathon. Nur größer.
Wie viel 40.000 Menschen sind, habe ich tatsächlich unterschätzt.

Aber von vorn.
Samstag war Startunterlagentag.
Startunterlagen und Messe.
Das mit den Startunterlagen hat mich verwirrt.
Rein. Bändchen an, durchgehen zu irgendeinem Stand.
Hä?!? Irgendeiner????? Bei 40.000??? Wie machen die das???
Des Rätsels Lösung, die Nummer wurde einfach vor Ort gedruckt.
Dauer der gesamten Aktion: ca. 5 Minuten.
Respekt.
Kurzes Wort zur Messe: Zu laut, zu voll, durch die Massen geschoben, nix gesehen, nirgends stehen geblieben, alles unentspannt, wieder raus.
Den Endurange kurz getroffen.
Ab ins Hotel, einchecken und zurück in die Stadt zur Pastaparty vom Twitterlauftreff.
35 bekannte, herrlich bekloppte Gesichter.
Ein paar Stunden Zeit, eine Pizza, ein Spaghettieis und viele Lacher.
Zurück ins Hotel. Klamotten rauslegen. Ab ins Bett.

Weckerklingeln um 06:00.
Und wie immer zu müde für die Welt.
Beim Frühstück auch alles wie immer.
Ich saß vor meinem Tellerchen, hab mich gefragt was ich da mache und verzweifelt versucht das Brötchen zu kauen. Mehr schlecht als recht, dann zurück ins Zimmer. Umziehen.
2 Rationen Zwieback eingepackt und los gen Start.
Dann ging es los das Spiel: Toi-Toi Besuch, rein in den Startblock, raus aus dem Startblock, Toi-Toi Besuch, rein in den Startblock, raus aus dem Startblock, Toi-Toi Besuch.
Irgendwie muss man die Zeit zum Start ja rumkriegen, nicht?!

Die Stimmung war gut. Ich schob mich langsam mit der Menge gen Startlinie.
Der Rest von uns überall verteilt bzw. mit den ersten beiden Startwellen schon auf dem Weg.
Und irgendwann gings auch für mich los.
Ab über die Linie und los.
Der Rythmus war schnell gefunden. Es lief sich fanastisch. Die Beine liefen gut. Einen Blick auf die Uhr später wusste ich, dass ich konstant mit einer Zeit um die 06:00/km lief.
Plan ab da: Laufen so lange es so im Rythmus funktioniert, werden die Beine müde, hangel ich mich von Verpflegung zu Verplfegung.
Gesagt, getan.
Bei KM10 gabs ein Gel. Sonst Wasser, einen Apfel und eine Banane.
Das lief. Berlin war zauberhaft. Mir standen mehrmals die Tränen in den Augen vor Rührung. Und ich bin ja gemein hin eher als Eisprinzessin bekannt.
Was für eine Atmosphäre. Überall Menschen, Bands, Sänger, Trommler, Tänzer, feiernde Menschen. Es war großartig. Sowas hab ich noch nie erlebt.
Und so lief ich und lief, die Beinchen wie ein Uhrwerk.
Das nächste Gel sollte bei KM25 rein und dann noch eins bei irgendwas über 30. Fertig ist der Lack. Das wird ein super Ding, dieses Berlin.

Bei KM20 hab ich mir so gedacht: „An der Verpflegung gibts Iso. Suuuuper. Rein damit.“
Falscher Fehler.
Denn plötzlich zog es gewaltig in der Magengegend, was ich erstmal wohlwollend ignoriert hab.
Bis es nicht mehr ging.
So bei KM25.
(Da hatte ich bereits den 04:30h Paceläufer aufgelaufen, der eine Welle vor mir gestartet war. Ich war also entsprechend gut unterwegs bis dahin.)
Dann sah ich mich plötzlich tapselnd auf der Strecke gehen. Whaaaat?!?
Die Überlegung noch ein Gel zu nehmen strafte mein Körper mit bleierner Übelkeit, die sich auch nachhaltig hielt.
Die nächste Verpflegung lies ich komplett aus.
Bei KM27 war Ende. Toter Punkt. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr. Ich war körperlich und moralisch am Ende.
Also Handy raus. Es stirbt sich bekanntlich leichter, wenn man sich ablenkt.
Erstaunt stellte ich fest, dass halb Twitter mit mir auf den Beinen war und ich dank Sarah auch wusste, mit welchen Zwischenzeiten ich unterwegs war.
Auf die Uhr hab ich nämlich gar nicht mehr geschaut.
Ich war ja auch mit Sterben beschäftigt.
(An dieser Stelle nochmal lieben Dank fürs Zeiten posten und mitfiebern.)

Zum ersten Mal wusste ich nicht was ich tun soll.
Aussteigen, weitermachen, einfach an den Rand setzen?
Mehr als einmal habe ich drüber nachgedacht mich bei den Sanis oder am First Aid Point zu verabschieden und den Sanis zu sagen „Totalausfall, den Rest überlass ich euch. Viel Spass.“
Immer wieder hab ich die Zahlen im Kopf jongliert.
Noch 15 Kilometer, 3×5, wenn du zügig gehst schaffst du das in Knapp über 2 Stunden.
Dazu kam, dass ich nicht wusste wie ich von da zurück ins Hotel gekommen wäre.
Welches war also der einfachste Weg? Richtig, einfach die Strecke weitergehen.
Einfach immer weiter. So wie ich es immer sage, immer einen Fuß vor den anderen, solange bis du damit aufhören kannst.
Geheult wird erst, wenns stark blutet, oder komisch wegsteht.

KM27,5 Kampfwandermodus an!
Meine Beine waren hier bereits jenseits von gut und böse.
Ich war völlig unterversorgt.
Die Oberschenkel und die Waden waren bereits krampfig und schmerzten.
Aber egal, weiter, einfach immer weiter, nicht stehen bleiben, nur nicht stehen bleiben.
An den Verpflegungsstellen würde ich ab jetzt auf Wasser und Tee umstellen.
Von läuft ja wie ein Uhrwerk auf Überlebensnotfallstrategie binnen Minuten.
So schnell kanns gehen.
Und so ging ich, nein ich tapselte.
Ich wollte diese Medaille. Ich wollte dieses Ding fertig machen.
Nichts hätte mich zu diesem Zeitpunkt davon abgebracht.

Wieder Zahlenjonglage im Kopf. Bei KM34,5 standen die Mietze und der Rehspeck am Verpflegungspunkt.
Das war mein nächstes Ziel. Bekannte Gesichter. Das wird helfen.
Aber erstmal musste ich anhalten.
Die Waden und die Oberschenkel dehnen, damit ich noch einen Schritt vor den anderen kriege.
Die beiden Stelzen unterhalb der Hüfte waren mittlerweile nämlich so schmerzhaft, dass ich beschloss besser nicht mehr darüber nachzudenken.
Das unzählige Menschen an Rand meinen Namen riefen habe ich nur noch schemenhaft wahrgenommen.
Mittlerweile war es mir fast zuviel, dass ständig irgendwer brüllte und rasselte, trommelte oder sonst was.
Das Nervenkostüm zum zerreissen gespannt.
Wasser und Tee in kleinen Schlücken.
Plötzlich eine Hand auf meiner Schulter: „Katrin, du schaffst das. Es ist nicht mehr weit. Ich bin auch Katrin.“
Ein Lächeln später war sie auch schon verschwunden.
An dieser Stelle DANKE Katrin. Ich kenne dich nicht, aber du hast mir mit den Arsch gerettet.
Bei KM34,5 gabs ein Wasser vom Rehspeck und weiter gings.
Diese Beine bringen mich um, mehr dachte ich nicht mehr. Diese Beine haben noch nie so geschmerzt.
Bei KM38,5 warten Maty und Ulf.
Dahin noch. Und dann wirds schon gehen.
Wenn der Schmerz in den Haxen zu gross wurde, bin ich wieder ein paar hundert Meter getrabt bis der Magen wieder sagte: „Ey du Vollidiot.“
Interessanterweise war laufen irgendwann weniger schmerzhaft als gehen. Das hat mich wirklich überrascht.

Bei KM38 war ich willens nach Hause zu fahren. Da gabs eine U-Bahnstation.
Hätte ich gewusst, dass auf der anderen Strassenseite das Hotel war…
Wenn ich das gemerkt hätte…
Den schlimmsten Tiefpunkt von KM39 bis KM41 erspare ich euch.
Es war ein einziger Kampf gegen mich selbst mich nicht einfach hinzusetzen.
Ich wusste nicht, wie lange ich den krampfenden Schmerz in den Beinen noch aushalten konnte.
Ulf und Maty hab ich so irgendwie auch verpasst. Vielleicht waren sie auch schon weg. Oder ich habe einfach nichts mehr gesehen.
Also ging ich weiter.
Aber dann…….
Als ich kurz nach KM41 um die letzte Ecke bog und das Brandenburger Tor sehen konnte, lief es sich plötzlich wieder von ganz allein.
Meine Uhrwerkbeinchen waren wieder da. Dem Magen wurde befohlen die Klappe zu halten.
Und ich musste das ein oder andere Mal gewaltig Schlucken als ich unter diesem Tor durchlief, sonst wären mehrere dicke Tränen gekullert.
Plötzlich war ich auch schon durchs Ziel und hatte die Medaille um den Hals.
Die grösste, schwerste und schönste Medaille und die, die ich am härtesten erkämpfen musste.
Bis ich endlich sitzen konnte, hat es gefühlt noch einen Kilometer gedauert. Endlich. Ich hatte die letzten Kilometer über nichts anderes nachgedacht, als übers Sitzen.
Und ich kann euch sagen, ich hab noch nie so schön gesessen wie auf dieser Wiese mit dieser Medaille um den Hals 🙂
Das da am Ende eine 05:12:56 stand. Nun ja. Erlebnis vor Ergebnis und so.
Immerhin trotzdem schneller als beim Rennsteiglauf der ja noch einiges an Höhenmetern hat 😉

Was zu sagen bleibt:
Berlin du bist ganz wunderbar.
Du hast mir die Tränchen kullern lassen und Gänsehaut beschert. Du hast eine wunderbare Atmosphäre, du hast eine grandiose Stimmung.
Berlin du bist ganz wunderbar.
Du hast mir gezeigt, wie stark mein Wille sein kann und hast mich einiges gelehrt. Du hast meine Grenzen verschoben.
Vor allem aber hast du mir bestätigt, dass ich mich gut genug kenne, um zu wissen, wie weit ich gehen kann.
Berlin du bist ganz wunderbar.

Fan-Shirt

Jetzt schauen wir mal, was das in 4 Wochen beim Frankfurtmarathon wird.
Aber erstmal dürfen sich die Muskeln ein wenig ausruhen. Die hats gestern nämlich ganz schön zerlegt
🙂

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43 Antworten zu “Berlin Marathon 2016

  1. Wir sind alle Katrin! 🙂 Herzlichen Glückwunsch zum Finish, wir sehen uns in vier Wochen 😉

  2. Wow, solche Geschichten schreibt eben Marathon. Das war jetzt aber ein kleiner Leseritt und bis zur Hälfte war ich ganz euphorisiert. Zu schade, dass nicht auch so endete. Aber meine Herren, hast du Kampfgeist! Da gehört ordentlich Wille, aber auch sich kennen dazu. Ich bin ganz mitgenommen und hoffe, dass du dich gut erholst. Herzlichen Glückwunsch zu dieser wirklich schönen Medaille, die du dir echt verdient hast!

  3. Wir waren nicht weg, haben gewartet!! Oh wie gern hätte ich Dich gedrückt!! Ganz toll gekämpft, Katrin!!!! Kannst so stolz sein…<3

    • Oh nein…Dann habe ich einfach nichts mehr gesehen.
      Und wie gern hätte ich euch gedrückt.
      Ohne den Gedanken an euch, hätte ich mich wohl wirklich einfach hingesetzt 🙂

  4. Du bist so toll! Hast Du wunderbar gemacht. Herzlichen Glückwünsch, hast Du dir sowas von verdient!

  5. Sehr schöner, lebendiger und anschaulicher Beitrag. Man kann richtig mit dir fühlen. Noch einmal Glückwunsch, dass du durchgestanden und den inneren Schweinehund besiegt hast.
    Ich drück dir die Daumen für eine schnelle Regeneration, damit du bis Frankfurt wieder richtig fit bist. Vielleicht sehe ich dich auf der Strecke. Dann kann ich dich anfeuern!!!

  6. Herzlichen Glückwunsch zu diesem mehr als verdienten Finish! Die Medaille hast Du Dir wirklich verdient!!!

  7. Zum heulen schön! Wie toll, dass du durchgehalten hast. Gute Erholung:-)

  8. Yeah: Herzlichen Glückwunsch zum Finish und vor allem zum Durchziehen. Und ich will kein Spielverderber sein, aber: woran hat es gelegen? Doch zu wenig Training oder nur einen Scheiß-Tag erwischt?

    So oder so: Frankfurt wird ein Spaziergang. Verdammt, ich sollte mich dort noch anmelden, um dort völlig einzugehen. 🙂

  9. Toller Bericht über eine Grenzerfahrung… Könnte den fast wörtlich übernehmen, nur dass ich mich 05:28:13 lang quälen durfte…
    Erhol Dich gut und viel Erfolg in FFM

  10. Klasse, Glückwunsch nochmal. Kopf zählt mehr als Magen und Beine. Du hast durchgehalten, das zählt! Die Medaille bleibt, der Schmerz ist heute schon fast vergessen. La ola für Katrin 🙂

  11. Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu dieser Willensleistung. Zu so etwas bin ich ja eher nicht in der Lage und hätte es nach spätestens 30 km gut sein lassen.

    Hattest du das mit dem Iso nicht ausprobiert vorher? Ich bin da immer sehr vorsichtig, höchstens mal ein Stück Banane und zum Schluss etwas Cola, ansonsten gerne warmen Tee (ich habe schon meine Starts danach ausgesucht, ob es warmen Tee unterwegs gibt 🙂

    Ich bin ja mal gespannt, was das in Frankfurt wird. Knapp 5 Wochen Pause nach so einer Aktion, das könnte ich schon mental gar nicht, vom körperlichen ganz zu schweigen. Aber ich bin ja auch schon ein alter Mann 😉

    • Lieben Dank. Um Frankfurt mach ich mir keine Sorgen. Ich hab Bock drauf 🙂
      Eigentlich kenne ich Taxofit. Jedenfalls als Gel, deshalb hab ich mir ums Iso keine Sorgen gemacht.

  12. Aua, das tut mithalten noch beim lesen weh! Da ich so ähnlich vor 3 Jahren da unterwegs war, kann ich mir die Punkte genau vorstellen! Egal kamst an, Qual gehört dazu😆 Glückwunsch! Wir sehen uns in Frankfurt

  13. Dein Gefühlschaos kann ich nur zu gut nachvollziehen. Ich habe mich an meinen Berlin Marathon in 2015 erinnern dürfen. Danke für deinen Bericht und Herzlichen Glückwunsch zum Finish und zur verdienten Medaille.

    Viele Grüße, Eric 🙂

  14. Berlin du trägst einen so wunderbar durch die Stadt das man eben garnicht anders kann wie dieses verdammte Dinge zu finishen! Genau mein Gefühl!
    Glückwunsch zum harten erkämpften Finish!

  15. Ich finde der Bericht zeigt vorallem eins: ein Marathon will monatelang liebevoll und intensiv vorbereitet werden und geht mal eben nicht „immer“ bzw. „einfach mal so“.
    Ich wünsche Dir dass Du vorallem gesund in Frankfurt ankommst.

  16. Wahnsinn – Respekt für’s Durchbeißen!!! Sooo schlecht ging es mir Gott sei Dank nicht, aber ich kann Vieles von Deinen Worten eins für ein nachvollziehen. Berlin ist echt der Hammer!

  17. Ja gibt’s denn das? Irgendwie hatten wir scheinbar alle zu kämpfen. Ich hab noch nicht einen Bericht gelesen, wo es nicht so war.

    Gratuliere zum Durchhalten und zum Finish. Und ich habe großen Respekt, dass du dir gleich 4 Wochen später nochmal die 42,195 antust.

  18. Pingback: Lieblingsblogs Folge 35 - Coffee & Chainrings

  19. Pingback: Born to die in Berlin(Marathon) | Endurange

  20. haha… das war ja wie bei mir. ab KM 25 ging es rapide bergab. Beim nächsten Mal sind wir stärker!
    Liebe Grüße
    Eve

  21. Pingback: Amsterdam Marathon… Motivation – Begeisterung – Einbruch… – Mothblog

  22. Hallo Katitria,
    toller Bericht .. ich war 2014 dabei .. und könnte vieles Unterschreiben was Du schreibst.
    VG. Günther

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