Weiltalmarathon 2017


Oder „Wir haben heute leider keine Medaille für dich.“

Sonntagmorgen, 06:00 Uhr, ich werde von einem schrillen Weckerklingeln aus dem Schlaf gerissen.
Wir schreiben den 23.04.2017.
Und wir wollen heute Marathon laufen.
Im schönen Weiltal. Zu Hause sozusagen.
Direkt vor der Haustür.
Ein Trainingslauf unter Realbedingungen für den Rennsteiglauf in 3 Wochen.

Ich habe ungewöhnlicherweise gut geschlafen. Frühstücken (mein gutes altes Problem) will ich trotzdem nichts. Ich schiebe mir in quälend langsamen Tempo ein Toast in den Mund und dann geht’s auch schon los.

Ab nach Weilburg. Auto im Ziel parken, umsteigen in den Bus und zum Start. Fast schon Routine, für Läufe, die nicht in einem Rundkurs verlaufen. Hassliebe. Heute morgen schlägt mir die Busreise zum Start ein wenig aufs Gemüt. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die Wohnung, zu der ich einen Schlüssel in meiner Tasche trage 3,5km Luftlinie entfernt ist.

Aber egal. Jetzt sind wir schon mal hier. Außerdem müssen wir so oder so nach Weilburg, denn da steht das Auto. Also was soll. Rein in die Halle zum Startunterlagen holen. Draußen hatte es ja immerhin auch muckelige 1 Grad. Und so klammheimlich habe ich mich gefragt, was all die Menschen in den kurzen Hosen da machen. Keine 5 Minuten später war die Startnummer da und wir fanden Sebastian und Tanya, die wir auch irgendwie so ein bisschen in diesen Marathon gequatscht hatten.

Schön zu sehen, dass Social Media auch sowas kann. Rumgeblödelt und schon setzen sich zwei ins Auto und stehen keine 2 Tage später mitsamt Fellnasenbegleitung vor dir, um mal eben einen Trainingsmarathon zu laufen.

Irgendwann fand ich mich dann auch am Start.
Irgendwer erzählte was, wie immer hab ich dabei nicht zugehört.
Der Startschuss fiel und schon gings los. Von Schmitten immer in Richtung Weilburg. Locker GA1 trabend, so der Plan. Gesagt getan. Bis zu dem Punkt bei KM2, als wir einen heimischen Trainingsweg kreuzten und ich mir ein „Wenn wir jetzt rechts abbiegen, sind wir gleich zu Hause und könnten auf dem Sofa liegen.“ nicht verkneifen konnte. Aber wer holt dann das Auto aus dem Ziel. Das liebe ich so an Strecken die von A nach B führen. Irgendwann gelangst du an einen Punkt, an dem du vielleicht keine Lust mehr auf das Ganze hast und umdrehen möchtest. So lange, bis dir einfällt, dass es völlig sinnlos ist umzudrehen, weil du im Ziel sowieso all deinen Kram hast und es im Zweifel genausweit zurück, wie zum Ziel ist. Ich liebe und ich hasse das 🙂

Bei Kilometer 6 wartete ein Anstieg zum Treisberg, den wir locker angehen liesen. Bergab rollt es dann ja wieder von ganz allein.

img_9945

Und so ging es Kilometer um Kilometer, immer weiter. Und die ersten 10 waren bald geschafft.
Die letzten beiden Marathons waren Berlin und Frankfurt vor gut einem halben Jahr. 2 mit Eindrücken und Lautstärke übervolle Stadtmarathons innerhalb von 5 Wochen. Da tat mir dieser Landschaftsmarathon doch plötzlich total gut. In den einzelnen Orten standen Helfer und Zuschauer und dazwischen nur Weg, Läufer und sonst wohlige Ruhe. Man konnte genüsslich vor sich hinlaufen, ohne das einem jemand ins Ohr trötet oder brüllt.
So unterschiedlich können Läufer doch sein. Was die einen als angenehm empfinden und gar genießen, geht anderen schon wieder auf den Geist.

Was mir ab KM 11 so richtig zu schaffen machte, war die Temperatur der Verpflegungsgetränke. Die waren bei 1-2 Grad Außentemperatur gut gekühlt und nach jedem Becher schlug ich mir mit den Worten „GEHIRNFROST“ die Hand vor die Stirn.

Irgendwann war KM20 durch und die Beinchen wurden ein wenig schwerer. Halbzeit.
Kurzer Stop bei den Sanis, Pflaster holen, irgendwie wollten Holgers Fersen nicht so und denen tat ein Pflaster ganz gut.  Das Stück von KM 20-30 zog sich dann allerdings unheimlich. Das Einzige, dass meine Moral irgendwie hoch hielt waren die Wegweiser der Radwege, auf denen sich die Kilometerzahl hinter dem Wort Weilburg kontinuierlich verringerte.  Aber sonst nervte es irgendwie nur noch..dieser ewig lange Weg, es war kalt, der Wind blies aus allen Richtungen und ich hielt Holger einen Vortrag darüber, dass ich diese langen Läufe eh total blöd finde und ich ab dem Rennsteig nur noch Rennrad fahre, weeeeenn ich den Rennsteig überhaupt mache. Willkommen im Läuferkopf. Ich glaube jeder der schon einmal gelaufen ist (und da ist die Distanz fast egal) weiß, wie solche Gespräche ablaufen. Das Gute daran ist, spätestens im Ziel sind die Vergessen.

 

In der Regel fange ich ab KM 21 an, die verbleibenden Kilometer rückwärts zu zählen. So auch diesmal. Noch 12… Nun ja, eher 10, die letzten beiden sind zu vernachlässigen.
Die Zielkilometer sind nämlich immer die besten. Jedenfalls bei mir. Die mag ich fast mehr, als den Zieleinlauf selbst.
Die letzten 10 stellten sich dann doch als etwas haarig heraus.
Ein Zwicken hier, ein Zwacken da. Der kalte Wind forderte seinen Tribut.
Die Muskeln wurden lansgam fest und ein „Ich würde dann jetzt auch so langsam gern mal im Ziel sein“-Gefühl stellte sich ein.
Wir legten die ein oder andere Dehnpause ein und zählten die Kilometerschilder, hileten kurze Schwätzchen an den Verpflegungsstationen und den Mitläufern, bis es dann endlich soweit war: Die goldene 40.

Finally

Fast geschafft. Sonntagsspaziergang so gut wie erledigt.Weilburg 1KM stand da auf dem Schild. Also noch ein klein wenig die Hauptstraße lang, noch einmal kurz links und dann in Richtung Zielbogen, den wir durchliefen und mit den Worten „Medaillen sind aus. Wir schicken die nach.“ begrüßt wurden. Bitte wie?

Ich kann sagen, es ist ein ganz besonderes Gefühl, durch einen Zielbogen zu laufen, die Nummer abzunehmen und nach Hause zu fahren.
Irgendwie fehlte der offizielle Abschluss. Ich möchte ehrlicherweise auch nicht wissen, wie mein Gesicht ausgesehen haben muss.
Und gerade aus Veranstaltersicht konnte ich so gar nicht nachvollziehen woran es hing, bzw. was dort falsch gelaufen war. Der Ärger darüber ist nach wie vor nicht ganz verflogen.

Medaillenersatz war zu Hause dann eine Wagenradgroße Pizza.
Die Schuhwahl für den Rennsteig ist getroffen und ich bete zum Wettergott, dass er mir 20 Grad, leicht bewölkt mit ein wenig Wind schenkt.

Bis dahin steht noch so einiges im Programm. Streckenbesichtigung im Tiergarten, Stairrun Berlin und der ein oder andere lange Trainingslauf.  Verrückt, wie die Zeit vergeht und ein wenig beruhigend, dass ich in ca 3 Wochen wieder diese irren Läufergespräche führen werde, weil ich bei KM 42 weiß, dass noch 30 weitere folgen.
Das wird ein ziemliches Abendteuer.

Advertisements
Veröffentlicht in WK

7 Gedanken zu “Weiltalmarathon 2017

  1. Dann mal Glückwunsch zum Durchhalten. Ich habe Frauchen die Entscheidung, beim HM nicht zu starten, büßen lassen – sie musste 23 km hier durch den Reichswald traben, und wurde mit einem Graupelschauer belohnt. Bei Euch war es ja wenigstens trocken 😉 Generalprobe für den Rennsteiglauf gelungen, würde ich mal sagen.

  2. Tja, mal so zwischendurch einen Marathon laufen! Das hat schon was! Ihr beide seid wirklich so was von fit, – beneidenswert! Aber ich freu mich für euch.
    Nächstes Jahr spiele ich vielleicht auch wieder mit. 🙂 Irgendwann müssen wir ja mal endlich einen gemeinsamen Lauf starten.
    LG

  3. Herzlichen Glückwunsch zum Finish.
    Was euch passiert ist, macht mich schon ziemlich sauer. Der Veranstalter spart an den Medaillen, obwohl ihr die ja mit dem Startgeld bezahlt habt! Schon in Berlin vor einigen Jahren ist mir das übel aufgestoßen!
    Eine nachgeschickte Medaille ist echt nur die Hälfte wert neben der bodenlosen Unverschämtheit, den Moment nicht voll genießen zu können.

    1. Lieben Dank Michael.
      Das stimmt wohl. Und wie gesagt, kann ich es gerade aus Veranstaltersicht, nicht nachvollziehen. Medaillen und Shirts sind immer etwas auf das wir größten Wert legen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s