Rennsteiglauf Supermarathon 2017


Es gibt Berichte, bei denen weiß man nicht, wie man sie beginnen soll.
Das ist einer davon.
Der Rennsteiglauf ist mittlerweile seit einer Woche vorbei und somit auch das Jahreshighlight. Unwirklich irgendwie.

Am Donnerstag ging es in Richtung Heimat. Sachen abladen, ein wenig Füße hochlegen im heimischen Garten. Freitag ging es dann auch schon in Richtung Eisenach zur Startnummernabholung.
Das war sehr schnell erledigt. Die Parkplatzsuche in Eisenach war da irgendwie aufwendiger. Rein in die Bude, Nummer sagen, Beutel kriegen, raus aus der Bude. Fertig. Dauer 10 Minuten.
So saßen wir also mit den gelben Tüten zwischen den anderen gelben Tüten, mitten auf dem Marktplatz und es dauerte nicht lange, bis ich das erste bekannte Gesicht erblickte.
Bibi (wir hatten beim Frankfurtmarathon im letzten Jahr einen schönen Nachmittag zusammen verbracht) kurz gedrückt und geschnackt und dann machten wir es uns bei Kaffee und Kuchen gemütlich.  Bis zur Kloßparty waren es schließlich noch 2 Stunden. Und wenn ich etwas keinesfalls sein wollte, dann hungrig.


Die Zeit bis zur Kloßparty schlugen wir mit dem Kauf von Merchandise-Artikeln tot 😀 Spaß beiseite, eigentlich haben wir uns Eisenach ein wenig näher angeschaut. Denn das kenn ich da nämlich nur den Bahnhof, um vom ICE ins Südthüringsche Bimmelbähnchen umzusteigen.
Irgendwann wars dann allerdings auch 17:00 Uhr und der Kloß fand den Weg auf den Teller. Ich finde ja, man sollte alle Nudelpartys durch Kloßpartys ersetzen. Kloßpartys sind viel besser als Pastapartys. Und wohlgemerkt die einzigen zu denen ich gehe.

Sebastian und Tanya waren kurz nach 17:00 Uhr bei uns. Die beiden hatten wir ja erst ein paar Wochen zuvor beim Weiltalmarathon getroffen.
(Da fällt mir ein, mir fehlt noch immer die Medaille…)
So gabs also Kloß und ein wenig Geplänkel über die letzten Wochen.
Wir machten uns aber dann doch zeitnah auf den Heimweg. Schließlich lagen noch 60km Autofahrt vor uns. Was im Umkehrschluss auch hieß, dass wir am darauffolgenden  Morgen entsprechend früh aufstehen mussten.
Aber, es hat schon seine Vorteile, wenn man sich um „Wie komme ich wohin? – Was mache ich mit dem Auto? Welchen Shuttle müsste man nehmen.“ eben keine Gedanken machen muss.
Wir wurden zum Start gebracht und aus dem Ziel wieder abgeholt. Nur laufen müssen wir selbst. Die Aufgabe war also überschaubar.

Mit Schlaf war es in der Nacht von Freitag auf Samstag jedoch nichts. Wie zu erwarten war. Ich habe die Glockenschläge der Kirchturmuhr gezählt. Und das waren ziemlich viele.
Wie viele genau, kann ich allerdings nicht mehr sagen.
Dann wars plötzlich 03:30 und es hieß somit wohl Aufstehen. Zu dieser Uhrzeit fällt mir nur ein Wort ein: EKELHAFT.
04:00 morgens ist nachweislich die einsamste Stunde der ganzen Nacht. Die Wachen schlafen jetzt, die Schlafenden sind noch nicht wach. Selbstmordraten steigen und die Telefonseelsorge hat um diese Uhrzeit am meisten zu tun. Verrückt, was man sich alles so merkt.

An Essen war (wie immer vor einem Lauf-schon gar nicht vor so einem) nicht zu denken.
Körper austricksen und auf der Fahrt bzw. im Startblock essen. Das funktioniert mittlerweile ganz gut. Irgendwelche Kleinigkeiten, die man mit einem Haps im Mund hat. Kekse, Waffeln usw. 
04:15 Abfahrt nach Eisenach. Die Fahrt verging wie im Flug. Was ich dachte, weiß ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich irgendwas mit umdrehen und Bett.
Aber gekniffen wird nicht.
05:25 Ankunft in Eisenach
05:27 Einreihen in die Schlange vor dem Dixi-Klo
05:30 Freies Plätzen suchen im Zelt und die letzten 30 Minuten bis zum Start irgendwie rumkriegen.
05:48 Abmarsch in Richtung Startlinie
Ich hasse nichts mehr, als Stunden vorher schon am Start zu stehen. Die Aufregung wird unerträglich. Das Gewusel um einen rum nervt des Todes. Es ist kalt und es ist früh. Also heißt die Taktik: Kurz vorm Startschuss an die Linie. Schon immer.

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Schlaftrunken und in meinem üblichen Modus trotte ich einfach vor mich hin. Bis mich ein Mensch anspricht und ich einige Momente brauche, um zu realisieren, dass da Christoph (alias Mr. Rennsteig persönlich) mit mir spricht.
An dieser Stelle sorry nochmal. Ich war müde und so. Du weißt schon 😉
Die Minuten vergehen, irgendwer singt irgendein mir bekanntes Lied, irgendwo knallt irgendwas, dann setze ich einen Fuß vor den anderen und drücke mechanisch auf meine Uhr, als mein Fuß auf die Startmatte tritt.
Der Weg führt uns auf den ersten 7Km aus Eisenach hinaus, über die „Hohe Sonne“, auf den Rennsteig. Die ersten Kilometer vergehen auch sehr schnell. Immer im Wechsel zwischen laufen und gehen, da die Strecke doch sehr voll ist.
Ich sehe Hannah an uns vorbeilaufen, das Gewusel ist aber noch zu dicht, als das ich irgendwie in ihre Nähe kommen könnte, um Hallo zu sagen. Es geht auf verregneten engen Wegen bergan, es ist rutschig, eng und ein bisschen kalt.
Und dann endlich der Rennsteig. Die Wege werden breiter. Das Feld zieht sich auseinander und wir haben Platz. Endlich. Deshalb mag ich Trails und Landschaftsmarathons. Man kann irgendwann allein sein mit sich, oder tausende auf Asphalt trampelten Menschen, die auch irgendwie nicht sooooo nett zueinander sind. Das ist hier anders. Das ist der Rennsteig. Und der hat seine eigenen Gesetze. Man sieht hier sehr wenig Menschen, die mit dem teuersten Equipment durch die Gegend rasen. Hier ist alles anders.  Bei manchen hat man den Eindruck, sie haben einfach ein Shirt und eine Hose angezogen, ein Paar Schuhe dazu und los geht’s. Die Menschen hier wirken ruhiger und gesetzter als bei anderen Läufen. Vor allem aber auch älter. Ich habe noch nie so viele Läufer Ü60 auf so einer Distanz gesehen.

Einen wirklichen Plan haben wir nicht gemacht. Einzig und allein weiß ich, dass wir Steigungen/Anstiege konsequent gehen werden und bergab bzw. gerade Strecken laufen.
Irgendwann ist KM10 und ich wache aus meiner Traumwelt auf. Keine Ahnung wo ich vorher war, anwesend irgendwie nicht. Da bin ich gelaufen, ohne groß nach rechts oder links zu schauen. An den Verpflegungsstationen gab es einen Becher Tee und einen Becher Wasser, an mehr kann ich mich nicht wirklich erinnern. Bibi läuft auf uns auf. Wir unterhalten uns kurz, sie schießt ein Foto und verschwindet mit ihren Begleitern im Getümmel. Ich stelle meine Uhr um und lasse mir das Höhenprofil anzeigen. Wir sind gleich am höchsten Punkt. Der Inselsberg winkt schon. Der steilste Anstieg, der aber irgendwie ganz gut zu schaffen war und schneller vorbei war, als ich dachte.

Runter war der Gute aber wirklich unangenehm. Auf einer alten Asphaltstrasse ging es genauso steil bergab. Und dieser Abstieg wollte irgendwie nicht aufhören. Die Knie meckerten ein wenig, man musste achtsam sein, um auf den nassen Tannennadeln nicht auszurutschen, grüßte die entgegenkommenden Wanderer freundlich und lief.

Mittlerweile hatten wir ein paar nette Gesprächspartner gefunden. Der eine war zum 15. Mal unterwegs, der andere zum 20. mal. Aber wahrscheinlich wird dieses Jahr das letzte Mal sein. Man hat keine Zeit mehr fürs Training. Als Rentner. Eigentlich trainiere man jetzt auch nicht. Man komme einfach einmal im Jahr und läuft den Supermarathon und fertig. Aber so langsam wird man eben auch älter.
Aha. 
15 bzw, 20 Mal Supermarathon. Unvorstellbar. Meine Knie haben schon beim Gedanken daran ganz komische Geräusche gemacht.  Ein kleines Männlein passierte uns mit den Worten, er laufe nur für sich, für niemanden sonst, für sich und gegen seine Uhr. 1,60 war er vielleicht groß, lief sehr gebückt, aber er lief, wie aufgezogen, weiter, immer weiter. Verrückt, dieser Rennnsteig.

Irgendwann war es dann soweit. Eine Verpflegungsstation die neben Brot, Obst, Tee, Wasser und Cola auch Haferschleim hatte.
Ich schnappte mir einen Becher und musste doch irgendwie einmal tief durchatmen.
Augen zu und durch. Das sah gewöhnungsbedürftig aus und schmeckte auch so und es zog Fäden, wenn man den Becher am Mund wieder absetzte. Aber tat wirklich gut. Der Magen war voll, aber nicht zu voll und kniff sich nicht zusammen, wie bei Äpfeln und Bananen.
Ein Hoch auf den Haferschleim 😀

Die 30km Marke hatten wir mittlerweile passiert und so langsam wurde es wärmer.
Die Laufjacke habe ich dennoch nicht ausgezogen. Das war mir zu kalt. Aber immerhin waren die Arme jetzt wieder warm. Und so liefen wir und unterhielten uns und liefen. An den Verpflegungsstationen trödelten wir, wie gewohnt, immer ein bisschen. Verschnaufen, trinken, essen, mit den Helfern quatschen. Es gab ja keinen Grund zu hetzen. Jedenfalls nicht für uns.
Die 37,5km Marke war dann irgendwie eine ganz besondere. Die Hälfte war geschafft.
Beim Weiltalmarathon vor 4 Woche mussten wir an der Stelle schon sehr beißen. Hier lief es jetzt noch ganz ok. Keine ungewohnten Schmerzen, alles im grünen Bereich.
Das lief noch weitere 10 Kilometer genau so. Der Mann neben mir, war soweit noch nie gelaufen und ich war mächtig stolz auf ihn, weil er ohne zu murren einfach weitertrottete, obwohl ich wusste, dass wir jetzt zu beißen anfangen würden.

Wir hatten im Vorfeld abgemacht, bis zum Grenzadler zu laufen. Dort gab es einen Wertungsausstieg mit Medaille und Urkunde, was wir am Tag vorher durch Zufall erfuhren.
Bis dahin fehlten noch ca. 8 Kilometer. Und die wurden zäh. Aber irgendwie wäre es auch schon komisch, wenn es das nicht werden würde. Von daher wusste ich, was auf uns zukommt. Alles reine Kopfsache.
Wir näherten uns langsam, aber sicher dem Grenzadler. Die Beine waren schwer, die Füße meldeten sich merklich und der Wald sah rechts und links auch irgendwie nur noch gleich aus. Die Loipen tauchten auf und die Skiarena und dann waren wir angekommen. Wir liefen über die Zeitmatte, schnappten einen Becher Tee und beratschlagten.
Weiter oder gut sein lassen. Hätte es hier die Möglichkeit nicht gegeben, wären wir sicher weitergelaufen, aber so entschieden wir, es dabei zu belassen. Ich kannte die Distanz vom Karwendelmarsch und war zufrieden mit dem Geschafften. Holger war soweit noch nie gelaufen und ich vergewisserte mich vorher unterwegs, ob er unbedingt nach Schmiedefeld möchte, koste es was es wolle, oder ob er gut damit leben konnte.
Aber auch 55 Kilometer wollen gelaufen werden und nicht jeder ist in der Lage dazu. Das Zettelchen der Dame hinter dem Counter, die die Nummern notierte und die Medaillen verteilte, war bereits ziemlich lang. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen mit der Idee. Und so saßen wir dort noch eine Weile, zufrieden mit uns und der Welt und haben die Läufer beobachtet, ob die Entscheidung für oder gegen das Weiterlaufen fiel.

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Eine halbe Stunde später war das Papa-Taxi auch schon da und wir brachen gen Heimat auf.
Das war er nun, der Rennsteig.
2015: Halbmarathon
2016: Marathon
2017: Supermarathon (mit einem kleinen Abstrich-aber den fehlenden Teil der Strecke kenn ich ja schon von 2015 😉 )
Ich habe mir meinen großen Wunsch erfüllt und bin alle 3 Distanzen gelaufen. Rennsteig durchgespielt sozusagen. Darauf bin ich besonders stolz, denn der Rennsteig ist und bleibt etwas ganz besonderes. Mit ganz besonderem Flair.
Und dann begann das Kopfkino…..2018 ohne Rennsteig?
Irgendwie war das nicht denkbar. Irgendwie wollte ich das nicht. Einmal Rennsteig, immer Rennsteig. So wird das wohl bleiben, solange ich laufe. Und so ging für 2018 die Meldung für den Halbmarathon kurz nach Ankunft zu Hause eben doch wieder raus.
Wie hätte es auch anders sein sollen 😀
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Was hat mir der Rennsteig beigebracht? Eine Menge, um ehrlich zu sein, der Halbmarathon war schön. Anfangs zu voll, aber dann einfach nur schön. Er hat mir beigebracht, dass ich hügelig laufen kann und mir Wälder mehr gefallen, als Asphalt.  Der Marathon im letzten Jahr ebenfalls. Ich lief bei km30 pfeifend über eine Wiese und freute mich meines Lebens. Ab km35 machte mir mein Fuß zu schaffen, dennoch war es ein wunderschöner Marathon und ich saß zufrieden im Ziel. Der Supermarathon hat mir beigebracht, dass Distanzen bis 60 Kilometer durchaus gut machbar sind für mich. Da habe ich Spaß und dazu bin ich gut in der Lage. Alles darüber hinaus, ist mir einfach zu weit 🙂 Und das ist auch völlig in Ordnung so. Man kann sich dieses höher, schneller, weiter Ding durchaus sparen. Ich weiß für mich, dass es ab einer gewissen Distanz gut ist. Bis dahin möchte ich, darüber hinaus nicht. Das überlasse ich gern anderen.

Das Jahreshighlight ist nun also Geschichte. Und nachdem 2016 in den ersten Monaten sportlich einfach komisch lief, bin ich ganz glücklich, dass 2017 schon ein Halbmarathon, ein Marathon, ein Ultramarathon und ein Indoor Cycling Marathon in den Büchern steht. Schauen wir also, was 2017 noch so bringt. Ich mags jedenfalls, dieses Jahr.

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13 Antworten zu “Rennsteiglauf Supermarathon 2017

  1. Sehr schön schön geschrieben.
    Und das Jahe 2017 hat noch viel vor mit uns. Ich freu mich drauf 😊😘

  2. Hey Katrin, sehr schöne Geschichte. Freue mich schon, dich im Schwarzwald zu sehen. Und vielleicht doch noch spontan beim ZUT?!? 😉 Jochen

  3. Haferschleim? Würg 😉 Das ist ja ein Grund, dort nicht zu laufen … ein Wunder, dass Ihr damit im Bauch noch die 55 km geschafft habt! Im Ernst: Glückwunsch, tolle Leistung. Und Anerkennung, wie Du dich die letzten Jahre gesteigert hast. Ich verlasse mich drauf, dass Du Frauchen beim Karwendelmarsch ins Ziel ziehst 🙂

  4. Sehr schön geschrieben, vielen Dank für die Mühe. Das eine Foto mit dem Ortausgangsschild ist ein cooler Schnappschuss.

  5. Auch deinen Beitrag liebe Katrin muss ich mir noch in Ruhe durchlesen. Komme im Moment zu gar nichts.
    Wie ich Holger schon mitteilte, weiß ich ja was ihr damit Großartiges geleistet habe! Und das verdienst den allergrößten Respekt. Bis bald 🙂

  6. Pingback: Rennsteiglauf 2017 - Mein Erster Ultramarathon - null8null8 - swim bike trail

  7. Sehr schöner Bericht, der die ganze Dramatik eines solchen Laufs wiedergibt. Deine Leistungen sind aller Ehren wert, einfach phantastisch!
    „Hut ab!“ Die Entscheidung an diesem Punkt auszusteigen war sicher die Richtige. Das schmälert auf gar keinen Fall eure Leistung.
    Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, einmal so weit zu laufen – jetzt nicht mehr 🙂
    Liebe Grüße Robert

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