10 Stunden Lauf


„Erfolg ist kein Glück
Sondern nur das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen
Das Leben zahlt alles mal zurück.
Es kommt nur ganz darauf an, was du bist, Schatten oder Licht.“
Es ist die gefühlt 900 Runde, die ich auf dieser 400 Meter Bahn des Stadion in Kahl am Main laufe, als dieses Lied aus den Boxen dröhnt.
Meine Beine tun weh, insbesondere die Hüftbeuger, weil ich durch das Atemschutzgerät auf meinem Rücken viel mehr Gewicht bewegen muss, als sonst.
Das die Runde nur das Wiese besteht, macht die Sache irgendwie nicht besser.
Aber ich klatsche Runde für Runde hunderte Kinderhände ab, die in jeder Runde unerlässlich jubeln.

Es ist Samstag, der 23.09.2017, 07:00 Uhr morgens. Ich stehe bepackt am Sportplatz und warte auf Timm, der mich an diesem Morgen abholt um gemeinsam nach Kahl am Main zu fahren, wo der Mann und der Rest der Truppe wartet.
Irgendwer hat sich überlegt, dass wir einen 10 Stunden Lauf laufen können.
Wir sind insgesamt 6, in den ersten Stunden allerdings noch zu fünft, da Jenny erst gegen 13 dazu kommt.

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Nachdem wir unseren Transponder abgeholt haben, geht es an den Aufbau des Pavillions. Unser „Zuhause“ für die nächsten 10 Stunden.

2 Bierbänke rein, alles was man sonst noch so braucht.
Die Jungs werfen sich in ihre Feuerschutzkleidung uns für den ersten von uns fällt pünktlich um 08:00 Uhr der Startschuss.
Während Holger läuft, überlege ich mir, dass mir heute normale Laufklamotten und das Gerät auf dem Rücken reichen.
Wohl wissend, dass das auch ganz schön weh tun kann, ohne die Polsterung der dicken Klamotten.
Aber seis drum, es wird schon gehen.
Irgendwann bin auch ich an der Reihe.
Also Uhr starten, Transponder übergeben, PA auf den Rücken und los gehts.
Der Transponder hängt an einem Band und während man über die Zeitmessmatte rennt, muss man den Transponder so tief wie möglich nach unten baumeln lassen.
Das ist irgendwie ein gewöhnungsbedürftiges System, aber so hat man wenigstens was zu tun 🙂
Transponder baumeln lassen, warten das es piepst und weiter gehts.

Die ersten Meter gehen über ein wenig Sand, bis man auf auf Gras weiterläuft.
Schon da ist mir klar, dass das eher eine härte Nummer wird. Das Gras dämpft, was entsprechend angenehm ist, aber das Laufen ist hier wirklich anstrengender. Bevor man sich versieht, sind die ersten drei Runden für mich auch Geschichte.

„Das ging irgendwie doch recht fix.“, denke ich mir noch.
Glücklicherweise befindet sich das Verpflegungszelt direkt gegenüber und entpuppt sich als kleines Paradies.
Kuchen, belegte Brötchen,Obst, Gemüse, Kakao, Tee, Kaffee…es ist ein wahres Schlemmerparadies.
Weiterhin hat uns der Veranstalter Wasser zur Verfügung gestellt. Eine ganze Kiste und wenn die leer ist, gibt‘s eben noch eine.
Das hier ist ein Läuferparadies.
Wahnsinnig gut.
Das wird also unsere Routine. 3 Runden laufen, eine Runde ins Versorgungszelt und essen was das Herz begehrt.
Das funktioniert bis Stunde 5 hervorragend.
Laufen, Kids abklatschen, die auch gerne mit einem mitlaufen und fragen was man da macht.
Tja, wie erklärt man so einem kleinen Zwerg warum man das macht.
Schliesslich ist es nicht so ganz einfach zu erklären, dass man das für ein Kinderhospiz macht.
Und so fange ich irgendwann an zu erzählen, dass wir das für Kinder machen, die ziemlich krank ist. Und weil ziemlich krank sein ja immer ganz doll anstrengend ist, tragen wir schwere Sachen mit uns rum. Das ist dann für uns auch anstrengend und die Leute spenden dann Geld dafür. Das gibt man dann Leuten, die den kranken Kindern helfen, dass es Ihnen besser geht.
Das hatte zur Folge, dass wir keine Runde mehr in „Ruhe“ laufen konnten, wir bekamen La-Ola Wellen, Anfeuerungsrufe, Applaus, wir mussten abklatschen. Jede Runde. Von den Kids und den Erwachsenen.
Was für ein Spektakel.

10h Lauf

Allerdings ist nun Stunde 6 angebrochen und wir haben alle schon entsprechend viele Runden in den Knochen. So langsam werde ich müde. So richtig müde. Ich stelle schnell fest, nur weil man in der Zeit in der man keine Runden läuft, rumsitzen kann, heisst das nicht, das man sich erholt.
Auch das rumsitzen/rumliegen/rumlümmeln strengt mittlerweile irgendwie an. Essen strengt an. Muss aber sein. Sitzen strengt an. Liegen ist irgendwie unbequem.
Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Runden ich schon gelaufen bin.
Unterwegs fällt es mir wirklich schwer mir zu merken, in welcher Runde ich gerade bin. Ob die Erste, die Zweite, die Dritte oder vielleicht eine zu viel. Wie oft bin ich schon über die Markierung gelaufen.
Die erste Runde läuft sich zu diesem Zeitpunkt noch ganz gut. Zu beginn der 2. fängt es an unangenehm zu werden. Es ist wirklich anstrengend, die Beine schwer wie Blei, lassen sich einfach nicht mehr heben und man sehnt sich danach, das Gerät wieder abgeben zu können.
Der Tiefpunkt pro Durchgang ist nach 1,5 Runden erreicht und dauert an, bis man wieder kurz hinter die Rundenlinie gelaufen ist.
Ich rechne mittlerweile in Metern, was mir enorm hilft.
Noch 800 Meter, noch 400, noch 200. Das sind Dimensionen die überschaubar sind. Also einfach immer weiter laufen.
Das Atemschutzgerät muss ich mittlerweile wirklich festhalten, wenn ich unterwegs bin, sonst schlägt es zwischen den Schulterblättern hin und her und der Rücken schmerzt zu dem Zeitpunkt schon merklich. Auf dem Rücken werde ich nicht mehr liegen können die nächsten Tage.
Ich überlege, ob ich eine Portion Pommes essen soll, auf die ich wirklich Appetit habe.
Pommes….oder eine Bratwurst. Oder Pommes und Bratwurst.
Allerdings weiss ich ziemlich sicher, dass mich die Kids nur noch halb so cool finden, wenn ich während des Laufens die Pommes wieder ausspucke 😀
Also lasse ich das besser.

Ab Stunde 7, so sagen die erfahrenen 10h Läufer, fängt das Beißen an. Man muss einfach über den toten Punkt laufen und die Zähne zusammenbeißen.
Uns allen geht es mittlerweile so.
Jedem aus dem Team sieht man die Müdigkeit jetzt an der Nasenspitze an.
Aber wir liefen. Unermütlich. Immer dann, wenn wir dran waren. Ohne zu murren, ohne zu knurren. Manchmal war einer von uns nicht fertig, oder hatte nicht aufgepasst und die Runden des Vorläufers gezählt. Dann wusste man nicht, dass man schon dran war. Dann biss der gerade Laufende die Zähne zusammen und lief eben noch eine Runde.
Schon vor Stunden waren wir dazu übergegangen uns beim Vorbeiaufen gegenseitig zu bejubeln. Klingt bescheuert, war aber mein Lichtblick unterwegs, neben all den Kids, die uns fast als Helden feierten.

Irgendwann waren die 10 Stunden tatsächlich geschafft.
Die letzte Runde liefen wir noch einmal alle zusammen.
Insgesamt lief unser Team 208 Runden, oder 83,2 Kilometer. Ich lief davon 44. Was im ersten Moment nicht viel klingt, in Anbetracht des Zusatzgewichts auf dem Rücken aber schon eine ganze Menge.
Verrückte Welt. Und ich bin selten so glücklich über die Portion Pommes gewesen.

Und auf eine Sache bin ich mächtig stolz. Uns allen schmerzte jeder cm des Körpers, wir alle waren müde und haben das Ende der 10 Stunden herbeigesehnt.
Jeder hatte unterwegs den Wunsch die eine oder andere Runde spazieren gehend zurückzulegen. Keiner von uns hat das getan. Wir alle sind konsequent alle Runden gelaufen, anfangs so schnell es ging, zum Ende so gut es ging.
Und es hat sich tatsächlich ein Spender gefunden, der uns pro gelaufene Runde 50 Cent spendete.
Hier muss man dazu sagen, dass es den Leuten freigestellt war, ob und für welches Team sie spenden wollen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir „Runden“-Spender oder Festsummen an Spenden bekommen. Um 17 Uhr (1 Stunde vor Zielschluss) lag unser Spendenstand bei 141 Euro. Wie hoch er zum Ende war, wissen wir noch gar nicht.
Das mag auf den ersten Blick nicht viel klingen, ist für uns aber eine Menge.

Es war ein verrückter Tag, der uns alle ein wenig an unsere Grenzen brachte.
Wiederholen würde ich den 10 Stunden Lauf schon, 24 Stunden würde ich allerdings nicht laufen wollen 🙂

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Veröffentlicht in Test

7 Gedanken zu “10 Stunden Lauf

  1. 44 Runden! Aber hallo, das ist unter diesen Bedingungen eine absolute Spitzenleistung. Meine Hochachtung an dich und an das ganze Team. Ich bin immer wieder erstaunt, zu welcher Leistung ihr immer wieder fähig seid.

    Ich werde zu meinen 22,68€ an das von dir unterstützte Kinderhospiz (für meine gelaufenen 226,8 km im 1. Halbjahr) aus Dankbarkeit, dass es mir wieder so gut geht, weitere 22,53€ spenden, da ich bis Ende September wider Erwarten schon weiter 225,3 km laufen konnte. Am Jahresende ist dann Holger mit LaLeLu wieder dran. 🙂

    Macht weiter so! Liebe Grüße Robert

  2. Großartig! Zum Einen das Durchhalten auf der immer gleichen Runde und zum Anden mit dem Gewicht!
    Gestern hatten wir Familientag bei uns bei der Feuerwehr, da meinte ein 6jähriger „ich kann das schon tragen“. Naja, auch die lernen noch dazu 😉

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